Die Liebe als methodischer Gegenstand

‚Mehr noch als Freundschaft, Ehrgeiz und Familialismus bestimmt die Liebe das Schicksal des Menschen‘ (Kamper/Wulf)

orpheus

  • Obiges Zitat vom Kamper/Wulf ist deren Publikation ‚Das Schicksal der Liebe‘ entnommen.
  • Bereits 1988 schreiben sie gegen das ‚Mediengeschwätz‘ an mit dem die Schicksalhaftigkeit der Liebe trivialisiert wird.
  • Jetzt haben schreiben wir das Jahr 2022; nach 34 Jahren ist dieses Geschwätz zu einem übermächtigen Chor angeschwollen.
  • Jede Person möchte lieben und geliebt werden. Ein warmer Grundton für ein glückliches Leben.
  • Jedoch: Einen Anspruch darauf gibt es nicht, es ist halt Glückssache.
  • Wenn Sie sich Mainstream unterwerfen und meinen, wenn Sie so und so aussehen, denken, handeln, wirken etc. dann werden Sie geliebt. O nein.
  • Worauf kommt es an, nun ja, schon 1000 Mal gehört, doch es ist so: Das Strahlen muss von innen kommen.
  • Denn: Jede Blüte welkt, wie sie wissen.
  • Haben Sie sich in ein blondes, graziles, langbeiniges Geschöpf verliebt, so haben Sie keine Dauergarantie für dieses Erscheinungsbild.
  • Eine Chance, sich der tiefen Wesenhaftigkeit des Liebens zu nähern liegt im poetischen Wort.
  • „O Mädchen, mein Mädchen, wie lieb ich dich! Wie leuchtet dein Auge, wie liebst du mich!“ Frei nach Goethe, vertont von Richard Tauber, Kitsch oder Wahrhaftigkeit!? Muss jede(r) selbst entscheiden.
  • In Phasen hoher Verliebtheit kann es schon auf diese Art im Ohr rauschen:
  • „Und wenn jemand fragt wofür du stehst
    Sag für Amore Amore,…“ (Wanda)
  • Oder: „Ramble on
    Gotta find the queen of all my dreams…“ (Led Zeppelin)
  • Wo findet sich der tiefe Sound der Liebe?
  • Im Mythos vielleicht?
  • Im Mythos um den Sänger Orpheus betritt der Protagonist einen Raum vollständig außerhalb des Fassbaren, das Reich der Toten.
  • Am Hochzeitsmorgen, beim Tanz über eine Wiese, wurde seine Geliebte namens Eurydike von einer Schlange gebissen. Der jungfräuliche Morgen der Braut endet im Hades, der Unterwelt, dem Reich der Toten.
  • Kalt ist es dort, schattenhaft und unwirklich. Bewacht von einem Höllenhund, dem seelenlosen Herrscher Hades und seiner Gemahlin Persephone die, da einst entführt, einen Mantel der Kälte zum Schutz ihrer verletzten Seele trägt.
  • Dorthin bricht Orpheus auf, um seine verlorene Liebe zu finden und zu den Lebenden zurückzuholen.
  • Folgenden Impuls erhielten die Kinder:
  • Schafft Orpheus es, in die Unterwelt zu gelangen? Kein Mensch war vorher dort. Hier drei schriftliche Antworten von 11-Jährigen.
  • Assad erzählt von der Seelenlosigkeit des Herrschers: ‚Ich glaube, er schafft das nicht, weil der König der Toten keine Seele hat. Weil er Orpheus die Seele wegnimmt‘.
  • Kübra glaubt an den Zauber des Gesangs: ‚Er gibt sein Bestes. Er singt so stark und so wunderschön, dass Hades verzaubert wird und Persephone Gefühle erlebt, die sie nicht mehr hatte. Die waren weg gewesen‘.
  • Und für Momo geschieht ein Wunder: ‚Orpheus wurde sehr traurig. Er ging zu Hades. Nein. Es geschah ein Wunder. Die Herzen öffneten sich. Orpheus durfte Eurydike holen‘.
  • Im Mythos dann durfte Orpheus Eurydike tatsächlich holen, die Bedingung: Auf dem langen Weg darf er sich niemals nach ihr umdrehen. Nicht aus Fürsorge, nicht aus Liebe und nicht aus Zweifel.
  • Ein starkes Bild erreicht uns nun aus jahrtausendealter Vergangenheit. Orpheus schreitet voraus, Eurydike scheu, aber unendlich vertrauensvoll, folgt ihm. Sie durchqueren unfassbare Räume, um ins Reich der Lebenden zu gelangen.
  • In einem Raum herrscht grenzenlose Stille. Orpheus hört ihre Schritte nicht mehr. Kurz, ganz sacht wendet er den Kopf nach seiner Geliebten. Die Finsternis bricht über ihr zusammen. Verschwunden. Diesmal für immer.
  • Die Trauer des Orpheus ist nun klanggewordener tiefer Schmerz.
  • Er singt von unvorstellbarem Verlust.
  • So tief ergreifend, dass die Natur beseelt wird und in den Klagegesang einstimmt.
  • Bäume neigen sich, Felsen verlieren Tränen, wilde Tiere legen sich, sanft vor Trauer, im Kreis nieder und Flüsse verändern Ihren Lauf, um dem Klagelied zu lauschen.
  • Hören Sie dazu die Kinder:
  • Über die trauernden Flüsse äußert sich Annika, 11 Jahre: ‚Große Flüsse verlassen ihre Strecke, um sich mit den kleinen Bächen zu vereinigen, in denen Eurydike sich ihr schönes Haar gewaschen hat‘.
  • Annikas Malerei der Trauer ist vielschichtig und überaus einfühlsam. Mächtige Flüsse zeigen menschliches Leiden, die kleinen Bäche erinnern an die Schönheit des Haares.
  • Burak, 10 Jahre, verlässt ganz den Raum des Irdischen: ‚Bestimmt trauern auch die Sterne. Sie tanzen einen traurigen Tanz, ganz langsam‘.
  • Die Trauer erreicht den Himmel und berührt die Sterne, die nach ewigen Gesetzen ihre Bahnen ziehen. Damit wird auch ein gängiges Bild verstorbener Seelen berührt die zum Himmel steigen. Gemeinhin gliedern sie sich dort in die himmlischen Gesetze ein. Bei Burak verlassen die Sterne ihre Gesetzmäßigkeit und beginnen einen langsamen Tanz der Trauer.
  • Da ist sie, die maßlose Objektivität der Kinder, schauen Sie nach bei Merleau-Ponty.
  • Sie sind so viel bereiter als wir Dunkelheit, Geheimnis und Raumlosigkeit zu erleben.
  • Unsere Welt ist von Terminen geteilt, von genauen Ortsangaben geprägt und dominiert von dem Bedürfnis nach Klarheit, Planung und Zukunftssicherheit.
  • Die Welt des Mythos‘ ist eine andere, die der Kinder auch, wenn wir sie in die Faszination ältester Erzählstoffe hineinbitten.
  • Dann lernen wir von den Kindern, dass es eine Maßlosigkeit großer Liebe gibt, die sogar das Universum erschauern lässt.
  • Fern, wirklich fern ab des Geschwätzes der Medien und der dadurch entstandenen inflationären Glückserwartung von Liebesuchenden.
Bildquelle: https://www.google.de/search?q=orpheus+und+eurydike&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=2ahUKEwj7lof55Lv3AhUDhf0HHc8WBIEQ_AUoAXoECAIQAw&biw=1538&bih=927&dpr=1#imgrc=AjYAcyjSrx2EiM

3 Kommentare

  1. Sonya Olegova Martinova sagte:

    Der Blogeintrag hat mir sehr gefallen. Zunächst habe ich versucht zu verstehen wohin mich dieser Eintrag bringen wird. Ich habe gemerkt, dass ich ein Vielfalt von Gedankengängen in diesem Blogeintrag herausbekommen kann. Zunächst einmal hat es mich dazu gebracht über meine Beziehung nachzudenken, was für mich Liebe heißt und auch für meine Familie. Auf der Suche nach Liebe ist jeder. Jeder sollte das Gefühl von lieben und geliebt werden haben und kennen. Es ist egal in welcher Form es Liebe ist. Egal, ob es die Liebe der Eltern zu ihrem Kind, Von einem Freund zu einem anderen oder eine Liebe die zur Partnerschaft heranzieht. Liebe ist sehr wertvoll und die Kinder sollten definitiv die Liebe als methodischen Gegenstand im Unterricht kennenlernen. Ich finde es erstaunlich, wie die Kinder im jungen Alter in die Geschichte des Mythos sich hinein versetzen können und ihre Kreativität in lauflassen. Sie lernen hierbei viel von Gefühlen aber auch sprachliche Aspekte, die ihren Wortschatz erweitern. Viel wichtiger noch die Entwicklung von den Gedanken der Kinder, die Grenzenlos sind. Die Grenzenlosigkeit der Liebe, zeigt den Kinder selbst und auch uns als Erwachsene, wie schön es ist in einer Welt zu sein, indem wir die Liebe sehen und fühlen können. Vor allem in Deutschlang gibt es die Möglichkeit, die Liebe auf der Straße ohne politischen oder religiösen Druck auszuleben.
    Die sozialen Medien zeigen einen Schein der Liebe, der mit Luxus verbunden ist nun ist es auch unsere Aufgabe als Lehrkräfte diesen Schein in die Realität zu bringen und den Kindern zu zeigen, dass Liebe viel viel mehr ist, als dass es uns die sozialen Medien vorgeben zu sein.

    26. Juni 2022
    Antworten
  2. Laura Schmidt sagte:

    Liebe ist ein großes und mächtiges, aber auch beängstigendes Wort. Es ist so vielseitig, so grenzenlos. Liebe lässt sich nicht aufhalten, man kann sie nicht beeinflussen, sie setzt sich über Konventionen, Landesgrenzen, Kontinente und Politik hinweg. Das ist etwas, dass den Schüler*innen mitgegeben und vermittelt werden sollte. Und bei der Liebe geht es nicht nur um die Liebe zu anderen Personen, es geht um die Liebe zu einem Selbst, um die Liebe zur Umwelt, die Liebe zur Welt. Liebe als methodischer Gegenstand im Unterricht kann in vielerlei Hinsicht eingebunden werden, bewusst sowie unbewusst. Liebe ist ein großes Thema in Literarischen Werken, in Filmen/Serien, in der direkten Umgebung. Nehme man z.B. „Romeo und Julias“ (W. Shakespeare) tragische Liebesgeschichte, sie setzen sich über die Familienfehde hinweg, weil ihre Liebe so stark und allmächtig ist. Oder nehmen wir die „Die Leiden des jungen Werther“ (J. W. v. Goethe), hierbei endet die von Werther zu Lotte einseitige hoffnungslose Liebe im Selbstmord. Es gibt viele literarische Beispiele, bei denen Liebe eine essentielle Rolle spielt. Oder auch in zahlreichen Mythen, wie Sie eine in Ihrem Beitrag erläutern.
    Auch die Liebe zum Beruf ist sehr wichtig, v.a. als Lehrperson. Unterrichten mit Liebe und Leidenschaft und man kann die Schüler*innen mitreißen, motivieren und verzaubern.
    Besonders bei Ihren Beiträgen und Ihren Seminaren denen ich schon beiwohnen durfte, kann man Ihre Liebe und Leidenschaft für diesen Beruf spüren, man spürt Ihre Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit, weshalb es immer eine große Freude ist, an Ihren Seminaren teilnehmen zu dürfen. Denn das, was man bei Ihnen lernt, bleibt definitiv im Gedächtnis, weil man so viele emotionale und ergreifende Erlebnisse damit verbindet. Vielen Dank!

    4. Juli 2022
    Antworten
  3. L. Aldarf sagte:

    Die Frage, wie und in welcher Form die romantische Liebe im Unterricht thematisiert werden
    kann, ist nicht leicht zu beantworten. Es gibt je nach Epoche (Antike, Barock, Romantik,
    Moderne etc.) sehr verschiedene Liebeskonzepte, die vergleichend zu behandeln sehr
    interessant sein könnten. Von Bedeutung wäre für mich dabei, Alternativen zu der Masse an
    romantisch verklärten Hollywood-Filmen der letzten Jahrzehnte aufzuzeigen. Diese hören
    typischerweise genau an der Stelle auf, wo das Genre der „Romcom“ endet und das des
    Dramas beginnt: wenn beide Partner:innen zueinander gefunden haben und die Beziehung
    nun gelebt und erhalten werden muss. Auch die Sage um Orpheus und Eurydike endet,
    bevor sie ihre romantische Verbindung richtig leben können. Ein Gegenentwurf dazu könnte
    z. B. die Geschichte von Tristan und Isolde sein, welche immerhin einige Zeit gegen alle
    Widerstände der Gesellschaft zusammen in einer Grotte wohnen und ihre Liebe zueinander
    aktiv leben. Ovid gibt in seinen „Ars Amatoria“ schließlich einige konkrete Hinweise, wie
    ein:e Partner:in zu gewinnen und die Beziehung zu erhalten sei. Meiner Ansicht nach bieten
    diese älteren Konzepte von Liebe und die Geschichten dazu einen guten Rahmen, um der
    kindlichen Fantasie Raum zur Entfaltung zu geben. Gleichzeitig können Sie als Anhaltspunkt
    benutzt werden, um aktuell zu beobachtende Beziehungskonzepte zu reflektieren (z. B. das
    der Eltern, der Medien etc.).

    18. Oktober 2022
    Antworten

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