Der Mut als methodischer Gegenstand

‚Herze wag’s auch du…‘ (Fontane)

Mut

  • Ich denke es wird Zeit über verletzliche Stärke und stärkende Schwäche nachzudenken.
  • Ein Wort zu Beginn: Ich persönlich möchte die Stärke haben, Schwächen zeigen zu können.
  • Was braucht es dazu? Ein verständnisvolls Umfeld? Ja, auch. Aber das findet sich ja nun nicht immer. Selbst in Familien, die ja oft als Quelle der Liebe dargestellt sind, werden Schwächen belauert, vermeintliche Fehler und Fehlverhaltet hervorgehoben und geahndet,  konstruktive Selbstkritik als Eingeständnis von Mangelhaftigkeiten gewertet.
  • Also: Trust in yourself.
  • In der Philosophie gehört der ‚Sprung‘ seit Kierkegaard zur existentiellen Erweiterung des Seins. Nicht Stufe für Stufe vorankommen, kein Anklammern an Sprossen.
  • Stoßen wir die Leiter von uns und wagen wir den Sprung.
  • Wohin? In das Ungewisse, in das Wagnis.
  • Unsere Kinder sind dazu bereiter als wir. Eröffnen wir mit Schulklassen folgendes Szenario:
  • Wenn es im März allmählich wärmer wird und die Blätter an den Bäumen sprießen, ist es auch für die Menschen eine Zeit des Aufbruchs. Sehnsucht nach einer schönen Freundschaft oder einer neuen Liebe, mehr Sport, frischerem Essen, Reisen, Sonnenuntergängen im Freien, luftiger Kleidung; das sind Gedanken, Vorsätze, Wünsche, die uns durch den Kopf gehen. Sind alle in Aufbruchsstimmung und Vorfreude?
  • Ein alter Apfelbaum ist es nicht. Er knurrt: „Es ist erst März und März ist noch nicht Mai“. (Fontane)
  • Bühne auf für die Bäume im Frühling. Kommt, performt! Ihr seid jetzt selbst Bäume, dynamische Bäume im Frühling. Jung, stark, fröhlich, selbstbewusst. Endlich ist der Winter vorbei, stellt euch Party vor, Tanz, Sport, Freiheit, Gesang! Let‘s rock the spring!
  • Jetzt brauchen wir noch einen alten Baum. Na, wer markiert einen uralten Opa (bitte trotzdem Respekt vor älteren Herrschaften, mein ich ernst!). Dieser Baum knurrt. Er will den Frühling noch nicht, vielleicht auch nie mehr. „Wohl zögert noch das alte Herz und atmet noch nicht frei. Es ist erst März und März ist noch nicht Mai“.
  • Diese Worte würde ich als Lehrkraft sprechen während ein neuer Mitspielender die Szene betritt. Klappt sehr gut. Ein Teil der Klasse tanzt, ein anderer Teil schaut zu, klatscht, feuert an etc. Und immer findet sich jemand, der den zögernden, alten Baum darstellt. Meist machen die anderen Kinder diesem Mut: ‚Komm, tanz mit, wir tanzen auch langsam, damit du mitmachen kannst‘ (O-Ton 4. Klasse).
  • Das Ziel dieser Performanz ist eine neue Nachdenklichkeit. Wir sind uns immer sehr einig darüber, dass Frühling so etwas Tolles ist. Wir zählen die Monate (ich auch), wir möchten erlöst sein vom Wintergrau, wir möchten wieder ein buntes Leben. So weit, so gut.
  • Aber denken Sie einmal mit den Kindern darüber nach, wer sich vielleicht nicht auf den Frühling freuen kann. Allergiker, Einsame;die Liebespaare betrachten, Gefangene, Kranke, Schüchterne, die sich lieber in dicken Winterklamotten verstecken, Melancholiker, die den Druck verspüren, fröhlich sein zu müssen. Menschen, die den Frühling nicht in ihrer Heimat verleben können. Fragen Sie die Kinder, Sie werden sich wundern wieviel Verständnis bei ihnen ist.
  • Nun begegnen wir zum ersten Mal Theodor Fontanes Gedicht ‚Frühling‘. Zunächst den ersten beiden Strophen.
Nun ist er endlich kommen doch
In grünem Knospenschuh;
»Er kam, er kam ja immer noch«,
Die Bäume nicken sich’s zu.

 

Sie konnten ihn all erwarten kaum,
Nun treiben sie Schuß auf Schuß;
Im Garten der alte Apfelbaum,
Er sträubt sich, aber er muß.
  • Wir haben die Kinder (und uns, ich mache da keinen so großen Unterschied) sensibel in den Text hineingeleitet. Machen wir noch einmal die Bühne auf, es wird nicht langweilig, glauben Sie es mir. Junge Bäume, die Knospen ploppen, sie nicken einander zu und jubeln. Und etwas abseits unser alter Freund. Lesen wir jetzt dazu den Originaltext (Sie oder ein Kind, oder pro Zeile ein Kind, oder ein Chor von Kindern spricht die Zeilen, oder nur Schlüsselbegriffe und gar nicht den vollständigen Text; hängt von der Lerngruppe ab). Auch die dritte Strophe erschließt sich jetzt:
Wohl zögert auch das alte Herz
Und atmet noch nicht frei,
Es bangt und sorgt: »Es ist erst März,
Und März ist noch nicht Mai.«
  • Nun zum eigentlichen Grund meiner Auswahl dieses Textes. Die vierte Strophe richtet sich an uns alle. Habt Mut, vertraut auf euch, wagt Etwas, etwas Neues! Herze, wag’s auch du!
O schüttle ab den schweren Traum
Und die lange Winterruh:
Es wagt es der alte Apfelbaum,
Herze, wag’s auch du.
  • Was müsste ich mich (nicht nur) in diesem Frühling einfach mal trauen, wozu sollte ich den Mut aufbringen?
  • Hören Sie die Kinder und Jugendlichen:
  • Maida 5. Klasse: ‚Ich müsste mal meiner Mutter sagen, dass es nervt, wenn sie ständig meine beste Freundin sein möchte‘.
  • Luca 1. Klasse: ‚Zurückhauen‘!
  • Lisa 3. Klasse: ‚Ich denk an meine Oma. Für sie wäre es so toll, wenn sie sich traut, ein paar Schritte ohne Rollator zu machen‘.
  • Oscar 5. Klasse: ‚Ich müsste aufhören überhaupt so ängstlich zu sein. Vielleicht sollte ich mal Superman sehen‘.
  • Ole 7. Klasse: ‚All die, die nicht mehr an die Liebe glauben, sollten sich Mut nehmen. Irgendwo gibt es sie, DIE große Liebe, auch für euch. Shure‘!
  • Amelie 10. Klasse: ‚Uff, da gibt es so viel. Ich geh raus, ich starre ins Handy. In den Spiegel. Ich vergleiche mich dauernd mit anderen. Ich stehe vor dem Spiegel: zu dick, zu picklig, zu wenig sexy. Jetzt seh ich meine Freunde nicht, werde ich sie wieder kriegen? Ich mein, vielleicht finden sie was Besseres als mich. Das sind alles so Ängste, die Zukunft, Corona, Verreisen, alles so unsicher. Hi, alter Apfelbaum, so cool wie du möchte ich auch drauf sein‘.
  • Und jetzt liebe Pädagogikliebhaber*innen, jetzt hören Sie sich ein Lied ohne Worte von Mendelssohn-Bartholdy an. Genannt: Frühlingslied. Überlegen wir gemeinsam, was wir einmal wagen sollten.
  • Frühlingslied
  • Und hier noch ein schönes Arbeitsblatt dazu. Herze, wag’s auch du!
  • Frühlingserwachen Arbeitsblatt

 

 

Bildquelle: https://blog.hays.de/ueber-leisen-mut-und-die-kraft-von-experimenten-die-kunst-des-musterbruchs/

 

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