Lehren durch Verzauberung

Den Menschen dort abholen, wo er ist […] – ein grauslicher, anbiedernder Gedanke, der zu einer ästhetischen Verarmung […] sondergleichen geführt hat (Kermani).

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  • Die Attraktivität von Lernarrangements sollte exzellent sein. Ich für mein Leben kann sagen, dass die Eindrücke, die mich zutiefst berührten, ja überwältigten, den Wunsch ausgelöst haben, mehr zu wissen, mehr zu erfahren, mehr zu verstehen.
  • Dazu gehörte eine Reise nach Venedig, die ich 17-jährig unternahm.
  • Wenn im Unterricht Städte und städtische Konzeptionen Inhalt sind, könnte die Lagunenstadt exemplarisch sein. An diesem Beispiel lässt sich die Verbindung von Stadt, Meer und Handel erklären, die Landwirtschaft auf den Inseln; Architektur, Schifffahrt und Gezeiten wären anregende Lerninhalte.
  • Darüber hinaus gibt es das große Szenario der Ästhetik. Schnitzlers Novelle ‚Casanovas Heimfahrt‘, die Musik von Vivaldi, Verdis Triumphe im Theater ‚La Fenice‘, die Gemälde Canalettos, die Barcarole aus Hoffmanns Erzählungen, Viscontis Thomas-Mann-Verfilmung ‚Tod in Venedig‘.
  • Das Charisma einer der schönsten Städte der Welt wird verbunden mit dem Zuwachs von umfassender Bildung. Kontrastierend zu den genannten Zugängen ist Venedig geradezu prädestiniert, beispielhaft auch barbarische Umweltsünden zu repräsentieren.
  • Wer jetzt noch daran zweifelt, dass der Lehrberuf im Kern eine wirklich zauberhaft schöne Profession ist, dem sei die Lektüre des Buches ‚Die Verzauberung der Welt‘ von Jörg Lauster empfohlen.
  • Bereits im Klappentext ist zu lesen, was unter verzaubernden Lerninhalten zu verstehen sein kann.
  • „Ein gregorianischer Choral kann wie eine Kantate Bachs etwas von der Harmonie des Universums zum Klingen bringen, eine gotische Kathedrale göttliche Erhabenheit einflößen, ein Bild oder eine Skulptur Michelangelos die Pracht der Welt als göttliche Schöpfung feiern, ein Gemälde Caspar David Friedrichs das unfassbare Geheimnis des Daseins versinnbildlichen und ein Roman Leo Tolstois die sittliche Kraft des Christentums deutlich machen”.
  • Der Wunsch nach kultureller Vielfalt steht nicht im Widerspruch zu diesen Beispielen.
  • Ausgehend von diesen Themenbereichen ist ein gehaltvoller interkultureller Austausch möglich.
  • Dieser führt zu neuen Entdeckungen und Erkenntnissen und trägt dazu bei, dass wir kulturelle Eingebundenheiten mit den zu uns eingewanderten Menschen teilen, erweitern und neu konstruieren können.
  • Die ergänzende Weltsicht anderer Kulturen führt zu einem Dialog tieferen Weltverstehens. Denn Fremdverstehen ist auch immer ein Ich-Verstehen.
Bildquelle: http://www.filmstarts.de/kritiken/257831/bilder/?cmediafile=21475085

10 Kommentare

  1. VS sagte:

    Finde den Beitrag wirklich sehr interessant und stimme dem Text auch zu.
    Durch verschiedene Eindrücke die man aus außerschulischen Lernorten erfasst wächst man als Schüler und lernt auch noch Selbstständiger und offener gegenüber anderen Kulturen zu werden.

    6. Juli 2018
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  2. David sagte:

    Ein sehr interessanter Beitrag.

    „Die ergänzende Weltsicht anderer Kulturen führt zu einem Dialog tieferen Weltverstehens. Denn Fremdverstehen ist auch immer ein Ich-Verstehen.“ Dieser Punkt ist für mich hierbei besonders wichtig. Als Lehrkraft selbst kann man hervorragend von anderen Kulturen lernen. Als Lehrperson hat man mit SchülerInnen mit unterschiedlichsten kulturellen Backgrounds zu tun. Ich persönlich habe in meinen Schulpraktika sehr viel über andere Weltanschauungen und folglich auch über mich und meine Weltanschauung gelernt. Meine Weltanschauung hat sich dabei bereits des Öfteren verändert. Die kulturelle Diversität im Klassenzimmer sollte von Lehrpersonen aufgegriffen werden um den Schülerinnen zu einem „tieferen Weltverstehen“ zu verhelfen.

    12. Juli 2018
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  3. KpB sagte:

    Wenn ich das richtig verstanden habe geht es hierbei nicht darum, mit den Kindern tatsächlich vor Ort zu sein, wie das für mich bei @VS klingt durch das „selbstständiger werden“, sondern darum die Kinder gedanklich mitzunehmen und zu „verzaubern“, oder?

    Gefällt mir gut. Macht ja schließelich auch mehr Spaß für einen selbst, wenn einen das Thema begeistert. Venedig ist ein schönes Beispiel, welches sich bestimmt auch gut auf andere übertragen lässt. Wichtig dabei ist wahrscheinlich, eine Atmosphäre schaffen zu können. Was für Sie Venedig ist, ist vielleicht für jemand anderen eine marokkanische Medina oder so.

    13. Juli 2018
    Antworten
    • Fürwahr. Es kann auch der Bosporus sein oder der Sonne-Mond-See auf Taiwan. Und man muss nicht dort gewesen sein. Eichendorff war auch nie in Italien.

      17. Juli 2018
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  4. Richard.Luft sagte:

    Gemeinsame Unterhaltungen mit der Klasse über bekannte Orte, wie die Stadt Venedig, können meiner Meinung nach ein exzellenter Einstieg in alle möglichen Themenbereiche des RLP sein.
    Wie im Text erwähnt z.B. Stadt, Meer und Handel.

    Wirklich ein sehr informativer Beitrag.

    12. September 2018
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  5. J. Oppelt sagte:

    Verzaubernde Lerninhalte.. das hatte ich für meinen Teil früher nie. Leider..Und genau das ist der Grund wieso ich es ändern möchte. Gandhi hat einmal gesagt: „Sei du selbst,die Veränderung, die du in der Welt sehen willst“ und genau so geht es mir mit unserem Lehrauftrag. Wir können was ändern und wir sollten damit anfangen. Sofort.
    Die Kinder aus ihren Religionen und Kulturen abholen und zeigen, dass es ein friedliches Miteinander haben wollen und jede Kultur und der Kontakt damit eine Bereicherung auch für uns ist. Den Kindern schon von Anfang an beibringen, dass es wichtig ist, das wir nicht alle gleich sind und wir als Gemeinschaft nur so wunderbar sind, weil wir alle so verschieden sind und aus so verschiedenen Kulturen kommen.

    5. Juni 2019
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  6. Lena Put sagte:

    Als ich den Eintrag gelesen habe, störte ich mich an dem anfangs präsentierten Zitat von Kermani.
    Bislang kannte ich den Ausdruck „Jemanden da abholen wo er steht“ als eine positiv konnotierte Floskel. Warum sollte ich jemanden mehr oder weniger zumuten, wenn ich ihm doch individuell weiterbringen kann.
    Ich googelte daraufhin das Zitat, um zu erfahren, in welchem Kontext das Zitat erwähnt wurde und kam zu einem Interview von Kermani und der Zeit Online. Er sagte diesen Satz im Zusammenhang der verschiedenen Religionen bzw. in dem Fall besonders des protestantischen Gottesdienst. Dort würde das Wort als solches nicht mehr geschätzt werden und weil man den Menschen nicht mehr zumutet, als sie verkraften können bzw. als sie in der realen Welt miterleben wird man nicht mehr herausgefordert und bleibt unberührt.
    Und damit gelangen wir wieder zu der Aussage der vorherigen Blockeinträgen: Man solle den Menschen berühren, damit er lernt, was ihn ergreift. Ich bin aber meist nur bei Sachen ergriffen, die mich herausfordern, emotional packen bzw nicht auf dem ersten Blick erklärbar sind. Und in diesem Kontext ergibt das Zitat Sinn.
    Hole ich jedes Kind nur da ab, wo es steht, wird es diese Ergriffenheit nie spüren. Natürlich sollte dies nicht in einer Grundsätzlichen Überforderung münden, aber in einen Moment der Ergriffenheit. Ansonsten verlieren wir das Gefühl für solche Dinge und vorallem auch das Interesse.

    24. Juni 2019
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  7. Jakoba sagte:

    Danke an Lena Put für die Recherche Arbeit, in dem Kontext des Interviews, ist das Zitat verständlicher und nachvollziehbarer!
    Ich muss bei diesem Beitrag und vor allem bei dem letzten Punkt an eine Vertretungsstunde in der Grundschule denken. Eine Religionslehrerin zeigte uns den Film „Cool Runnings“ 1993. Dabei geht es um vier Männer aus Jamaika, die zwar noch nie in ihrem Leben Schnee gesehen haben, aber sie wollen bei den Olympischen Spielen beim Bobsport als Mannschaft zusammen antreten. Zunächst scheitern sie gemeinsam, aber sie kämpfen dennoch weiter für ihren Traum. Schließlich nehmen sie an den Olympischen Spielen teil, wenn sie auch keine Medaille gewinnen, gehen sie als Helden zurück nach Jamaika. Auch wenn es sich bei diesem Film um eine Komödie handelt, und sie nur lose auf einer wahren Geschichte basiert, hat sie mich dennoch sehr inspiriert als Kind.

    29. August 2019
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  8. Clarissa B. sagte:

    Ich denke jede neue Erkenntnis bringt den Menschen näher zu sich selbst. Und hierbei liegt die Verzauberung die daraus entsteht, durch neue Eindrücke und dem Erkunden des Fremden. Dennoch fehlt mir das weltoffene um mich rum. Auch in der Schule ist es wichtig Bildung mit neuen und auch fremden Eindrücken zu ergänzen um mehr und weiter gefächert verstehen zu können. Am Ende des Tages finden wir oft an anderen Orten die Erklärung dafür, wie wir leben und bekommen einen tieferen Zusammengang vermittelt, zwischen neuen unbekannten und bekannten Eindrücken.

    2. September 2019
    Antworten

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