Das Unmessbare

Je unmessbarer und für den Verstand unfasslicher eine poetische Produktion, desto besser (Goethe).

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  • Jetzt kommen wir zum Kostbarsten, das die Kunst der Lehre für uns bereithält: das tiefe gemeinsame „berührt sein“.
  • „Begreifen, was uns ergreift“ (Staiger).
  • Beispiel: Sie führen Ihre Schüler*innen mit geschlossenen Augen aus dem Kiefernwald des Ostseestrandes über die Dünen ans Meer.
  • Erst direkt am Strand werden die Augen geöffnet.
  • Das überraschende Leuchten des Meeres lässt manchen Schülern und Schülerinnen den Atem stocken, einige haben Tränen in den Augen.
  • Vielleicht war das der wichtigste Augenblick der Klassenreise…
  • Aber mit welchen Kriterien wollen Sie das bemessen?
  • Wer war am tiefsten berührt, wer weinte am ehrlichsten?
  • Unter uns gesagt: ich persönlich habe da Kategorien des ehrlichen Empfindens, mit deren Hilfe ich Heucheleien und Sentimentalitäten im Privatleben enttarnen kann, aber das führt hier wirklich zu weit….
  • Für den Umgang mit Schüler*innen bedeutet das wiederum: Beobachten Sie genau.
  • Bemerken Sie Momente, in denen Schüler*innen eine Erkenntnis gewinnen und erleben Sie diesen Augenblick gemeinsam und intensiv.
  • Die Sozialform wird wahrscheinlich das Gespräch sein.
  • Leiten Sie es zurückhaltend und aufmerksam, heben Sie Hierarchien auf, indem Sie sich ehrlich für Meinungsbeiträge interessieren.
  • Sprechen Sie Schüchterne einfühlsam an und zähmen Sie die Dauerredner.
  • Achten Sie darauf, dass nicht nur ein Gesichtspunkt breit getreten wird.
  • Bündeln Sie Beiträge und ziehen Sie ein Zwischenfazit.
  • Wenn Sie dann bereit sind, selbst dazuzulernen und den Wunsch verspüren, sich für die Kommunikation mit der Gruppe zu präzisieren und wenn Sie dann in hoch interessierte Gesichter schauen…
  • …dann ist der Moment gekommen, für den es sich zu lehren lohnt, nein, für den es sich lohnt, zu leben!

 

Bildquelle: Astronomische Uhr am Heilbronner Rathaus

9 Kommentare

  1. Florian Wa. sagte:

    Gute Anregung für einen Ausflug bzw. eine Klassenfahrt. Ich glaube aber, dass auch Schüler*innen, welche beispielsweise keine große Gestik und Mimik zeigen, auch sehr tief berührt sein können. Ich bin auch der Meinung, dass die erlebte Situation, wie bereits erwähnt, besprochen werden muss. Vielleicht gibt es die Gelegenheit bei einem Lagerfeuer über die Situation und die erlebten Gefühle zu sprechen. Zudem ist es unerlässlich, dass man den Schüler*innen die Angst nimmt, über die eigenen Gefühle zu sprechen, da es vielen vielleicht peinlich ist, Emotionen zu artikulieren. Ein sehr positiver Effekt wird sein, dass durch diese Gespräche der Klassenzusammenhalt gestärkt wird.

    14. Mai 2018
    Antworten
    • Lieber Florian, Zirbe bedankt sich für die klugen Kommentare. Alle sehr sensibel und durchdacht. Und auf dieser Seite findet sich der sehr gute Hinweis, dass sich Emotionalität auch zurückhaltend zeigen kann.

      16. Mai 2018
      Antworten
  2. Amrita C. sagte:

    Die Exkursion in die Natur, bewegt, berührt, prägt und bietet die Möglichkeit den Umgang mit Emotionen zu erlernen. Ziel soll es also sein die Artikulation der Emotionen und Eindrücke interessiert und doch behutsam zu moderieren. Auch ein Verarbeiten der gemachten Eindrücke in Form von einem selbst gestalteten Bild wäre denkbar. Ruhigeren Schülern wird so die Möglichkeit geboten Eindrücke und Emotionen zunächst nonverbal kreativ darzustellen und dann eventuell den Mut aufzubringen, das eigene Werk zu beschreiben oder auch einfach für sich wirken zu lassen.

    5. Juli 2018
    Antworten
  3. VS sagte:

    „Begreifen, was uns ergreift“ (Staiger)

    Diese Aussage wiederholte meine Dozentin öfters in eines ihrer Kurse und ich fand ihn sehr aussagekräftig. Wer einen Menschen durch irgendeine Art von Handlung tief berührt zeigt Menschlichkeit und bleibt diesem auch lange im Gedächtnis. Oft haben Schüler und Lehrer ein distanziertes Verhältnis, aber durch solche Ereignisse wie aus dem Beitrag (Überraschung zum Strand mit geschlossenen Augen usw.) können sich diese ändern.

    6. Juli 2018
    Antworten
  4. David sagte:

    Sehr schöner Beitrag.
    Ich denke auch ganz kleine und eventuell banalere Dinge, wie z.B. das Aha-Erlebnis eines Schülers beim Verstehen einer Formel sollen von der Lehrkraft beoachtet und mit den SchülerInnen reflektiert werden. Solche Momente spenden sowohl den SchülerInnen als auch den Lehrkräften Motivation.

    12. Juli 2018
    Antworten
  5. Richard.Luft sagte:

    Ich finde, dass ein persönlicher Bezug zu dem Schülerinnen und Schülern sehr wichtig ist. nicht nur als Lehrperson, sondern auch als Ansprechpartner.
    Wenn die SuS dem Lehrer bzw, der Lehrerin vertrauen, und andersherum auch, dann hilft das meiner Meinung nach erheblich in einigen Unterrichtssituationen.
    Es herrscht dadurch keine angespannte Atmosphäre im Klassenraum, sondern ganz im Gegenteil, eher eine lockere und offene Lernumgebung.

    12. September 2018
    Antworten
  6. J. Oppelt sagte:

    Da sind wir wieder bei dem Berühren der Kinder durch uns. Hier ist es ein Spaziergang zum Meer, es kann aber auch ein Musikstück in einer Oper oder etwa auch ein Theaterstück sein.
    Ich bin der Meinung, dass wir die Kinder eher berühren können, wenn das Hierarchieverhältnis zwischen uns und den Schülerinnen und Schülern nicht so groß ist. Manchmal tut es den Kindern und auch uns ganz gut uns annähernd mit ihnen auf eine Ebene zu begegnen und uns mit ihnen zu unterhalten. Wie viel wir doch von den Kindern lernen können und manchmal hilft es auch sie besser zu verstehen.

    20. Juni 2019
    Antworten
  7. Lena Put sagte:

    „Begreifen, was uns ergreift“ (Staiger)
    Ein Zitat, was ich in diesem Kontext sehr gut gewählt finde.
    Das, was uns ergreift reizt uns auch immanent mehr dazu es begreifen zu wollen. Nicht umsonst wird man in den Seminaren für Sachunterricht immer dazu angehalten, den SuS Phänomene zu zeigen, die zuerst unerklärbar erscheinen. Sie berühren uns entweder ästhetisch oder weil wir neugierig sind und schließlich versucht man zu begreifen, was dahinter steckt.
    Dieser Fokus auf emotionale, ästhetische neugierige Betroffenheit, sollte auch in anderen Fächern mehr Zuspruch erhalten.
    Warum nicht im Mathematikunterricht mal philosophieren, was es überhaupt mit der 0 auf sich hat oder im Deutschunterricht poetische Texte auf sich wirken lassen …
    Das, was uns ergreift, bleibt. Das sind die Dinge, die noch Jahre nach der Schulzeit präsent im Kopf sind.

    24. Juni 2019
    Antworten
  8. Jakoba sagte:

    Schöne Idee mit dem Klassenausflug, erinnert mich an ein Projekt (Voir la mer, 2011) von Sophie Calle.
    Außerdem muss ich an meinen Lateinunterricht denken. Nicht dass ich besonders viel von der lateinischen Sprache behalten hätte, doch ich werde niemals den Monolog meines Lateinlehrers vergessen, in dem er uns den Unterschied zwischen Freude und Spaß erklärte. Unvergesslich!!! Er schloss seine Ansprache ab mit den Worten, dass er uns viel Freude in unserem Leben wünsche.

    29. August 2019
    Antworten

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