Ein Unterrichtsbeispiel

„Schläft ein Lied in allen Dingen…“ Texterschließung und Weltverstehen

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Wünschelrute (J. von Eichendorff)

 

Schläft ein Lied in allen Dingen,

Die da träumen fort und fort,

Und die Welt hebt an zu singen,

Triffst du nur das Zauberwort.

 

Für die Erschließung dieses romantischen Vierzeilers möchte ich folgende methodische Vorgehensweise anbieten:

Zuerst lesen die Schüler*innen nur 2 Begriffe, ohne das Gedicht zu kennen:

Dinge und Träume.

Sie erhalten die Aufgabe, diese in Beziehung zueinander zu setzen und werden antworten, dass man von Dingen träumen kann, von Gegenständen oder Tageserlebnissen (Vorgängen). Stellt man ihnen die Frage, ob nicht auch der umgekehrte Fall denkbar wäre, nämlich der, dass die Dinge selbst Träume haben, dann reagieren sie oft ungläubig. Genau das ist aber Eichendorffs Botschaft. Wenn wir dann einige Gegenstände im Klassenraum betrachten wie z. B. Tafel und Kreide, oder den Baum vor dem Fenster, ordnen die Kinder ihnen rasch und unkompliziert Träume zu. Die Kreide möchte niemals verbraucht, die Tafel gut gewischt werden. Der Baum möchte je nach Jahreszeit Blätter bekommen oder gegossen werden oder spielende Kinder behüten. Die Imagination ist grenzenlos.

Nun präsentiere ich die ersten 2 Zeilen und frage danach, was der Dichter behauptet.

  Schläft ein Lied in allen Dingen,

  Die da träumen fort und fort,

Die Schüler*innen stellen fest, dass Eichendorff der Meinung ist, dass es tatsächlich die Dinge sind, die träumen. Der Begriff Lied müsste geklärt werden und dann nehmen wir den Dichter beim Wort. Ich verteile Dinge und zwar viele verschiedene. Märchenhafte, wie einen goldenen Schlüssel, aber auch Schraubenzieher und Büroklammer. Denn es ist ja von „allen Dingen“ die Rede, nicht nur von romantischen. Die Schüler*innen erhalten eine Schreibaufgabe. Sie versetzen sich in „ihr Ding“ und schreiben in der Ich-Form dessen Träume auf.

Beispiele:

„Ich bin ein Schraubenzieher und möchte mich nützlich machen. Aber immer, wenn ich einen Fehler mache, werde ich angeschrien. Dabei möchte ich es lernen, sauber und glatt eine Schraube reinzudrehen.“

(Gina, 4. Klasse)

„Ich bin ein goldener Schlüssel, aber ich stelle Aufgaben. Wenn ein Angeber mich nimmt, kriegt er die Tür nicht auf. Erst muss er seine Fehler zugeben.“

(Yunus, 4. Klasse)

Bei der Auswertung der Texte stellen wir fest, dass es möglich ist, den Dingen einen „Traum“ zu geben und diesen Traum mit eigener Weltwahrnehmung zu füllen. Man muss nur dazu bereit sein.

Jetzt wenden wir uns dem zweiten Verspaar zu. Ohne es zu kennen, lesen die Schüler nur den Begriff „Welt“.

Die Frage an sie lautet, ob sich denn die Welt verändert, wenn alle Dinge von etwas träumen. Schon zu Beginn des Unterrichts haben wir festgestellt, dass sich unsere Wahrnehmung von der Kreide, die nicht schrumpfen will, verändert hat. Wir haben sie angeschaut, sie hat jetzt für uns eine Bedeutung. Die Welt wird bunter durch die träumenden Dinge oder wichtiger, das sind typische Inhalte von Schüleräußerungen. Und die Anschlussfrage wird durch das Lesen des einzigen Wortes „Du“ inszeniert.

Was musst du tun, damit die Träume der Dinge entdeckt werden?

Nun ist Zeit, für die Aufdeckung des 2. Verspaares:

     Und die Welt hebt an zu singen,

     Triffst du nur das Zauberwort.

In einer fast philosophischen Diskussion kann jetzt der 2. Teil des Gedichtes erschlossen und der gesamte Vierzeiler rückwärts lesend verstanden werden. Wenn du das Zauberwort triffst und die Phantasie hast, die Dinge zum Leben zu erwecken, dann fängt die Welt an zu singen und wird interessanter.

Den Abschluss dieser Doppelstunde bildet die Begriffserklärung „Wünschelrute“ und deren Bedeutung für den Text.

 

 

Bildquelle: http://www.julianeheise.de/docs/germanbanyan_dt.html

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