Die Philosophie der Lehre

Von Humboldt definierte Bildung als „die Anregung aller Kräfte des Menschen, damit diese sich über die Aneignung der Welt entfalten und zu einer sich selbst bestimmenden Individualität und Persönlichkeit führen“.
humboldt
  • Bettina von Arnim: ‚Sich bilden, ist nichts anders, als frei werden‘.
  • Oberstes Ziel der Lehre ist die umfassende Bildung, die es dem Individuum erlaubt, frei zu denken, zu handeln, zu entscheiden.
  • In den Konzeptionen unserer Unterrichtsstunden sollte dieses Bildungsziel klar erkennbar sein.
  • Jede Lehrsequenz sollte umfassend gestaltet werden, damit sich ‚alle Kräfte‘ entfalten können. Es lernt ja nicht nur ‚the brain‘, Sinne, Emotionen, Träume etc. erweitern die Erkenntnisprozesse.
  • Nicht immer ist erkennbar, welchen direkten Nutzen das Bildungsereignis hat.
  • Sie merken schon, ich spreche nicht vom ‚Lernen‘. Der Begriff scheint mir zu eng.
  • Lauschen Sie Vladimir Horowitz während seines legendären Moskauer Konzertes. Sie hören aus den Kinderszenen von Robert Schumann die ‚Träumerei‘.
  • Horowitz, Träumerei, Moskau
  • Und jetzt schauen Sie bitte hier vorbei:
  • Träumerei privat
  • Was hat das private Klavierspiel mit der Philosophie, der Kunst der Lehre zu tun?
  • Zunächst einmal die Orientierung an Meisterinnen und Meistern eines Faches. Ein kleines Beispiel: Wenn ein Kind davon träumt, ein berühmter Fußballprofi zu werden, orientiert es sich ja auch nicht nur an den Spielen der Regionalliga, sondern…(richtig!).
  • Aber der Zusammenhang ist noch viel weitreichender und existentieller. Es ist das Alleszusammenfassende, welches unsere Persönlichkeit prägt, formt und definiert. Sie treten vor Ihre Lerngruppe mit der Gesamtheit all Ihrer Erfahrungen. Ihre Lehrtätigkeit ist kein abgekoppelter Bereich Ihres Persönlichkeitsspektrums, der nur für diese Profession existiert.
  • Es ist kurz zu sagen und dennoch von philosophischer Komplexität: Sie treten als Mensch vor Menschen.
  • Wenn Sie lieben, beten, tanzen, kochen, reisen, musizieren, Sport treiben, wandern oder segeln (vervollständigen Sie für sich diese Aufzählung), dann sind dies die Erfahrungen, die Sie zu einem unverwechselbaren Individuum machen.
  • Peter Bieri: „Von den tausend Erfahrungen, die wir machen, bringen wir höchstens eine zur Sprache. Unter all den stummen Erfahrungen sind diejenigen verborgen, die unserem Leben unbemerkt seine Form, seine Färbung und seine Melodie geben.“
  • Je differenzierter wir unsere Erfahrungen zur Sprache bringen können, desto freier wird das Denken und damit unser Handeln.
  • Kinder, die noch nicht so abgeschliffen sind wie wir, merken ganz genau, wer vor ihnen steht. Sie können zwischen anbiedernder Unsicherheit, orientierungslosem Angepasst sein und sinnsuchender Aufrichtigkeit ganz genau unterscheiden.
  • Bilden Sie sich also im humboldtschen Sinne weit gefächert aus; Sie werden freier, souveräner und verzeihender vor Ihren Lerngruppen stehen.
  • Warum verzeihender? Weil Sie den steinigen Weg der Suche nach tiefen Erkenntnissen beschreiten, den die jungen Menschen noch vor sich haben.
  • Sie werden gemeinsam ‚rambeln‘, Hierarchien werden entbehrlich.
  • Gleiches gilt für die Erwachsenenbildung. Zum Abschluss vielleicht noch ein Blick auf diese Seite:
  • Gesichter der Lehrkräftebildung FU Berlin

 

Bildquelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/250-geburtstag-wilhelm-von-humboldts-so-viel-weibliches-in-mir/19887560.html

19 Kommentare

  1. Katja Walzer sagte:

    Peter Bieri: „Von den tausend Erfahrungen, die wir machen, bringen wir höchstens eine zur Sprache. Unter all den stummen Erfahrungen sind diejenigen verborgen, die unserem Leben unbemerkt seine Form, seine Färbung und seine Melodie geben.“

    Großartig! und sehr berührt und verzaubert von diesem Beitrag:

    Das ist doch der Grund weshalb wir tun was wir tun. Wir können nicht nur von unseren Schülerinnen und Schülern fordern sich breit zu bilden, sondern müssen auch bereit sein uns selbst stetig weiterzuentwickeln. Das ist es doch, was unser Leben ausmacht. Wenn wir uns darauf einlassen uns so breit wie möglich zu bilden und das aus unserem eigenen Interesse heraus, wird es uns Lehrenden erst möglich sein die Kinder zu begeistern, mit ihnen für etwas zu brennen.

    2. Februar 2020
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  2. Casandra Bonowsky sagte:

    Zu Beginn wird das oberste Ziel der Lehre definiert. Es geht darum frei zu denken, zu handeln und zu entscheiden und ich denke das macht die Kinder und Jugendlichen gesellschaftsfähig. Und das sollte das Ziel sein, die Kinder zu unterstützen zu mündigen und starken Charakteren heranzuwachsen. Und dabei spielt die eigene Haltung eine wichtige Rolle. Das wird auch in diesem Artikel deutlich. Authentizität ist hier das Stichwort. Mach deinen Beruf zur Berufung. Auch das ist ein steiniger Weg und ein Weg der tiefen Erkenntnisgewinnung. Also sitzen wir doch im Prinzip mit unseren Schüler*innen im selben Boot. Der Erkenntnisbereich verändert sich vielleicht, aber hebelt sich nicht dadurch die Hierarchie nicht automatisch aus? Ich denke schon. Ich denke auch, dass uns das mit unserem Schüler*innen verbindet und uns zu gleichberechtigten Kommunikationspartnern macht.

    8. März 2020
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  3. Niclas Schingorra sagte:

    Ein Dozent, den ich sehr bewundere, hat mir das mit der Bildung im ersten Semester ungefähr so erklärt:

    Die Erziehung kann man als einen Bilderrahmen verstehen und die Bildung als ein Bild, dass man in seinen eigenen Rahmen zeichnet. Das gesamte Werk sind wir, als individueller Mensch. Erziehung ist ein abschließender Prozess, Bildung kann immer weiter gehen. So kann man irgendwann ein langweiliges Bld in sich tragen oder ein wahres Kunstwerk erschaffen.

    Das Bild, dass wir selbst erschaffen haben wurde auch durch zahlreiche Einflüsse und Erfahrungen geprägt. „Von den tausend Erfahrungen, die wir machen, bringen wir höchstens eine zur Sprache. Unter all den stummen Erfahrungen sind diejenigen verborgen, die unserem Leben unbemerkt seine Form, seine Färbung und seine Melodie geben.“

    Diese stummen Erfahrungen bringen wir zwar nicht zur Sprache, aber sie spielen für unseren Schaffungsprozess eine wichtige Rolle. Nehmen wir die Erfahrungen nicht gut auf, wird auch das Bild schlecht. Ich finde es wichtig so viele Erfahrungen wie möglich auch zur Sprache zu bringen und nicht einfach stumm in das Bild einfleßen zu lassen.
    Durch diese Erfahrungen kann man ein Bild doch erst erklären.

    Mit diesem Bild in uns treten wir vor unsere späteren Klassen und helfen ihnen ihr eigenes inneres Kunstwerk zu konstruieren, damit sie auch zu frei denkenden und eigenständigen Wesen heranwachsen können.

    12. März 2020
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  4. Katinka Freis sagte:

    “Sich bilden, ist nichts anderes als frei zu werden.“ Aus meiner persönlichen Erfahrung kam dieses Bildungsziel in meiner Schulzeit zu kurz. Anstatt uns zu ermutigen und darin zu bekräftigen frei zu denken und zu entscheiden, hatte ich oft das Gefühl, dass uns vorgefertigte Meinungen auf erzwungen wurden. Abweichende Ideen wurden im Keim erstickt, andersartigen Interpretationen keinen Raum gelassen und das Gespräch, manchmal sogar rabiat wieder auf die alten Bahnen gelenkt. Grade im Deutschunterricht der Oberstufe bekam man das Gefühl vermittelt, es wäre zweckmäßiger einfach die kommentierte Reclam Ausgabe auswendig zu lernen, als selbstständig das Werk zu durchdringen. Nicht das freie, sondern das konforme Denken wurde geschult. Der Rahmen war eng gesetzt und lediglich das „brain“ wurde gefordert. Lernen mit allen Sinnen, vor allem mit Herz und Leidenschaft, was einem lange bewegt und wirklich erreicht, war die Ausnahme. Darum ist es auch heute die Ausnahme, dass noch etwas von dem vermittelten Wissen hängen geblieben ist. Schade. Gleichzeitig sind die Lehrer*innen im Gedächtnis geblieben, die nicht einfach nur Lehrer*innen waren, sondern so waren wie sie eben waren. Die Teil haben lassen an sich und ihrem Leben, die ihre Begeisterung auf die Schüler übertragen konnten und die „greifbar“ waren. Hoffentlich schaffen wir es später es besser zu machen.

    12. März 2020
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  5. Katinka Freis sagte:

    Ich finde Hikmets Zitat sehr treffend. Für einen stattlichen Wald braucht es viele verschiedene Bäume, Birken, Tannen, Eichen- große und kleine. Der Gedanken, dass jedes Individuum für sich steht und einzigartig ist, seine Berechtigung hat, aber eben doch nur in der Gruppe als Ganzes funktionieren kann beschreibt perfekt den Inklusionsgedanken und sollte für jede Lehrkraft als Leitbild stehen. Natürlich ist es schwer, allen Kindern das Gefühl zu geben, wahrgenommen zu werden, jedem Kind gerecht zu werden und auch auf jedes Kind entsprechend einzugehen. Auch wenn dies als Mammutaufgabe erscheint, sollte wir doch alles daransetzten, dies so gut es geht zu tun. Die Dynamik der Gruppe zu verstehen und diese auch effektiv zu nutzen ist nicht einfach, aber sollte unser Ziel sein. Besonders interessant fand ich den letzten Punkt, der mich zu längerem Nachdenken angeregt hat. Die klare Antwort- nein kann ich nicht. Und können wir etwas von den Schülern erwarten, was wir selbst nicht können. Auch hier die klare Antwort- nein. Sollten wir auch nicht.

    12. März 2020
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  6. Linda K. sagte:

    „Wir sind die Summe unserer Erfahrungen.“ – Mulford
    Bereits im Psychologieunterricht habe ich mich damit auseinandergesetzt, dass jeder Mensch individuell ist, weil jeder Erfahrungen aus seiner eigenen Perspektive sammelt.
    Als Lehrkräfte sollten wir es zu unserer Aufgabe machen, dass Kinder und Jugendliche sich zu selbstbestimmten, individuellen Persönlichkeiten entwickeln. In Ihrem Beitrag wird besonders deutlich, dass genau das auch Bildung bedeutet. Für meinen zukünftigen Unterricht werde ich definitiv den Appell mitnehmen, dass sich im Unterricht alle „Kräfte“ entfalten können und dass Lernen und Erkenntnisprozesse durch viele weitere Kanäle (wie Sinne und Emotionen) geschieht, sodass es unsere Aufgabe ist, dies zu ermöglichen und einen Raum dafür zu schaffen.

    31. März 2020
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  7. Anita Parlov sagte:

    Für diesen Blog Eintrag habe ich mich entschieden, weil er viele Gedanken enthält, die ich für die Arbeit mit Kindern für essentiell halte.
    „Oberstes Ziel der Lehre ist die umfassende Bildung, die es dem Individuum erlaubt, frei zu denken, zu handeln, zu entscheiden.“ Dieser Aussage kann ich mich nur anschließen. Hier sehe ich eine Verbindung zum Konzept der Selbstwirksamkeit. Frei zu denken, zu handeln und selbstständige Entscheidungen zu treffen, setzt voraus, dass ich mir meiner selbst bewusst bin und mich als selbstwirksam empfinde. Dies sollte meiner Ansicht nach im Fokus unserer Arbeit in der Lehre mit Kindern sein. Dieser Gedanke ist nicht neu. Wilhelm von Humboldt verstand das Ziel von Bildung als allgemeine Menschenbildung, als Persönlichkeitsreifung. Er hoffte, dass Bildung dazu führte, dass aus Menschen mündige BürgerInnen wurden, die in der Lage sind, sich allein in dieser Welt zurecht zu finden.
    Auch Kants berühmtes Zitat (angelehnt an Horaz) fällt mir hierzu ein: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Hier finde ich den Blick auf die derzeitige, weltweite, gesellschaftspolitische Lage spannend. Menschen sind anscheinend eher dazu geneigt einfachen, populistischen Parolen zu folgen, wenn sie sich als nicht selbstwirksam empfinden. Frei zu denken, zu handeln, zu entscheiden fällt schwer, wenn man sich als Opfer äußerer Umstände sieht.
    Die Aussage von Peter Bieri berührt mich ebenfalls: „Von den tausend Erfahrungen, die wir machen, bringen wir höchstens eine zur Sprache. Unter all den stummen Erfahrungen sind diejenigen verborgen, die unserem Leben unbemerkt seine Form, seine Färbung und seine Melodie geben.“ Virginia Satir schrieb von unseren vielen Gesichtern, die wir alle haben uns aber so oft nicht trauen, sie zu zeigen, bzw. oft gar nicht wissen, dass diese existieren. Ist nicht auch die Schule ein guter Ort, um mit den Kindern gemeinsam ihr „Theater des Inneren“ (Virginia Satir) zu entdecken und auf die Bühne zu bringen?
    Ich sehe hier auch eine Verbindung zu dem nächsten Gedanken, „Kinder, die noch nicht so abgeschliffen sind wie wir, merken ganz genau, wer vor ihnen steht. Sie können zwischen anbiedernder Unsicherheit, orientierungslosem Angepasst sein und sinnsuchender Aufrichtigkeit ganz genau unterscheiden.“ Nur wenn wir uns so zeigen, wie wir sind, kann ein wahrer Kontakt, kann Beziehung entstehen. Meiner Ansicht nach bietet die Arbeit mit Kindern hierfür eine wunderbare Gelegenheit. Durch deren ehrliche und unverzügliche Rückmeldung auf mein Verhalten, bin ich immer wieder angehalten, mich dahingehend zu überprüfen, wie authentisch ich gerade bin.
    Aus der Lernpsychologie ist zudem bekannt, dass Kinder Beziehung brauchen, um zu lernen.

    4. April 2020
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  8. Luisa-Sophie W. sagte:

    Eben! Wir treten als Mensch vor Menschen, daher sollten wir die ‚kleinen Menschen‘ nicht nur fachpropädeutisch lehren, sondern ebenso lebenspropädeutisch. Ich sehe es wie Linda K., jede Schülerin und jeder Schüler sollte in seiner Einzigartigkeit betrachtet und in ihrer/seiner persönlichen Entwicklung unterstützt werden. Sodass sie sich stolz, als ein mündiges sowie urteilsfähiges Individuum der Gesellschaft wahrnehmen und dementsprechend eigene Selbstwirksamkeit spüren sowie erfahren können.
    ,,Je differenzierter wir unsere Erfahrungen zur Sprache bringen können, desto freier wird das Denken und damit unser Handeln.“ Wahre und inspirierende Worte, auch wenn dies sicherlich nicht immer einfach ist, vor allem wenn es sich um einschlägige Erfahrungen handelt. Aber wir sollten den Mut haben, auch hierbei ehrlich und authentisch mit den Kindern zu kommunizieren. Kinder verstehen manchmal mehr, als wir es für möglich halten. Daher sollten wir sie niemals unterschätzen. Wie der Volksmund schon sagte: ,,Kindermund tut Wahrheit kund.“ Ein Anlass um Selbstreflexion zu üben, indem wir die Fremdwahrnehmung der Kinder aufrichtig ernst nehmen.
    Bezüglich der Musik möchte ich noch anführen, dass ich mir wünschen würde, die Klänge eines Instrumentes viel mehr noch in den Unterricht mit einfließen zu lassen. Sie regen nicht die Phantasie und Vorstellungskraft an, sondern verhelfen auch zur Konzentration. Während eines Lernprozesses höre ich selbst sehr gerne klassische Musik, um mich zu erden.

    13. April 2020
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  9. Olivia Piechowski sagte:

    „Sich bilden, ist nichts anders, als frei werden“. Ich finde das ist ein sehr schöner Anfang, um den Kindern zu zeigen, das es Spaß machen kann, sich weiterzubilden und sie es nicht als Zwang sehen sollten, zu Lernen. Denn die Bildung formt auch die Denkweisen und Charakterzüge der Kinder und dient somit zur Entwicklung. Auch Erwachsene sollten diesen Satz immer im Kopf behalten, um sich so auch stetig weiter zu entwickeln.

    21. April 2020
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  10. Savocha sagte:

    Denken zu können bedeutet ganz sicher nicht immer gebildet zu sein und umgekehrt muss Bildung nicht heißen auch denken zu können- zumindest im weitesten Sinne nicht. Denn frei werden wir, wenn wir Bildung als etwas verstehen was uns Sinn im Leben geben kann. Bildung kann etwas sein, was uns befähigt nicht nur Fachliches zu erkennen, sondern auch uns Selbst und Andere. Die Welt zu entdecken als etwas wunderbares, Wissen als Herausforderung und gleichzeitig als etwas Wertvolles zu betrachten. Bildung ist ein Schatz, ein Schatz den wir an unsere Schüler geben und jeder Einzelne wird einen anderen Inhalt finden, wenn er den Schatz öffnet. Neben wissen, eigene Erkenntnisse, Erfahrungen, Emotionen, Gefühle, vielleicht auch den Funken oder Liebe zu etwas entdecken.

    23. April 2020
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  11. Anita G. sagte:

    Heute scheint es für uns selbstverständlich: freier Zugang zu Bildung für alle, Allgemeinbildung als Wert an sich. Doch es ist noch nicht allzu lange her, da musste für dieses Grundrecht gekämpft werden. Ein wichtiger Protagonist dabei: Wilhelm von Humboldt.
    Nochmal zur Erinnerung: Ausgelöst durch politische Umwälzungen stand Preußen 1806 vor seinem politischen und finanziellen Zusammenbruch. Wilhelm von Humboldt wurde berufen eine Bildungsreform einzuleiten. Seine Pläne waren revolutionär: er wollte die nach Ständen getrennten Schulen abschaffen und entwickelte einen „Schulplan“ für ein dreistufiges Bildungssytem. Volksschule, Gymnasium und Universität sollten die kirchlichen, privaten und städtischen Einrichtungen ablösen. Und, zu einem neuen reformierten Staat gehörte auch ein neuer selbständiger, gebildeter Bürger. Bloß kein Untertan. Denn nach Humboldts ganzheitlichem Bildungsideal Bildung mehr als die reine Aneignung von Wissen – Individualität und Persönlichkeit sowie die Entwicklung von Talenten spielten eine große Rolle. Bildung ist also ein Prozess der Individualisierung, durch den der Mensch seine Persönlichkeit ausbilden kann. Und, für ihn stand fest: Bildung darf nicht länger an Standeszugehörigkeit gebunden sein.
    Doch die Frage, die wir uns in der heutigen Zeit stellen müssen, lautet: welchem Ziel soll Bildung dienen? Schon an der Grundschule ist bisweilen jegliche Leichtigkeit dahin, wenn es um die weiterführende Schulform zu gehen scheint. Und immer wieder kann man beobachten: es wird mit Kalkül gelernt, ein Nützlichkeitsdenken hat sich breit gemacht. Bildung als ökonomisches Gut? Der letzte verbliebene Schonraum wird zu Teilen ausgehebelt und selbst die Kleinsten bekommen schon zu spüren, was es heißt, effektiv lernen zu müssen. Statt Basteln, Malen und Musizieren steht die Erweiterung des Zahlenraums auf dem Programm oder die Wahl des richtigen Kursprogramms. Und spätestens wenn es um die Ausbildung oder das Studium geht, wird geschaut, welche Anforderungen und Aussichten der Arbeitsmarkt offerieren. Die Idee der Persönlichkeitsbildung zum Selbstzweck, frei von politischen Einflüssen und wirtschaftlichen Abhängigkeiten, scheint in den Hintergrund gerückt zu sein.
    Und nun? Ich denke das Ideal der Persönlichkeitsbildung ist keinesfalls verschwunden. Nur muss es heute anders angegangen werden. Denn wenn es zu einer Ablehnung einer ökonomischen Verwertungslogik kommen soll, hilft auch hier nur ein kritisches Bewusstsein eines aufgeklärten Menschen. Mit Hilfe von Bildung.

    24. April 2020
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  12. Anastasia sagte:

    Es ist ganz wichtig uns auch nicht von der Uhr und Gier Bildung vorschreiben zu lassen. In Ländern wie USA, wo häufig Literatur und Poesie nicht mehr gelehrt wird, da ja „nutzlos“, können wir aber ganz konkret beobachten, was solch Utilitarismus anrichten kann. Es kann leider in vielen Ländern nicht mehr von Bildung die Rede sein, sondern von absolvierten Kursen und Zertifikaten. Das mag zwar für Erwachsene praktisch sein mal nen Kurs abends zu absolvieren, um beruflich aufzusteigen, allerdings dürfen wir nicht Kinder zu Robotern machen. Falls ein Thema mehr Zeit in Anspruch nimmt, weil es die SuS mehr interessiert, dann ist das halt so. Wenn sie letztendlich einen größeren Horizont haben, empathischer und vernünftiger sind, dann war es die Zeit doch ohne Zweifel wert. Jedes Individuum soll ja wie der Name auch sagt individuell sein, doch wie soll das möglich sein, wenn alle wie Figuren aus einer Fabrik geformt werden.

    30. April 2020
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  13. Mir ist aufgefallen, dass viele Kinder nicht genau wissen, was sie wollen, egal ob sie aus einen bildungsfernen Haushalt kommen. Ich hatte als Kind einen großen Traum gehabt, Musikerin zu werden. Jedoch hätte ich nicht von mir gedacht Lehrerin zu werden. Ich entdeckte aber bei mir, mich mit Kindern zu beschäftigen. Lehrer sollten den Kindern auch beibringen, dass man alles werden kann, was man will, wenn man alles dafür macht. Manche Kinder handeln nicht nach ihren Träumen, sondern machen das, was ihre Eltern wollen. Wichtig ist es sich selber bilden zu wollen und eigene Erfahrungen sammelt.

    17. Mai 2020
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  14. Chelsea D. sagte:

    Was Kinder oftmals noch nicht sehen, ist der typische Satz eines Erwachsenen „Ihr lernt für euch und nicht für mich.“
    Ganz klar, sieht das fast jedes Kind ganz anders und kann nicht nachvollziehen was man nun bitte von Ihnen möchte. Sie denken man wolle sie austricksen und dazu bringen zu lernen.
    Gerade wir in unserer Lehrkräfte-Ausbildung können aber jetzt für uns nutzen, was wir als Kinder noch nicht wussten: und zwar, dass wir je freier werden, desto mehr wir uns interessieren und lernen. Vor allem implizit. Erfahrungen sammeln.
    Das klingt meist wie ein Widerspruch: freie werden, obwohl man mehr lernt ?!
    Aber dabei geht es natürlich um die Handlungsfreiheit, die man erlangt, je mehr Erfahrungen man gesammelt hat.
    Irgendwie sollten wir also versuchen auch mit den Kindern Erfahrungen zu sammeln, die deren Handlungsfreiheit erweitert, auch wenn sie es jetzt noch nicht immer zu schätzen wissen.
    Deshalb stimme ich vollkommen zu, dass Erfahrungen immer so gemacht werden können sollten, dass sich jedes Kind darin wiederfinden kann…

    29. Mai 2020
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  15. Vivian B. sagte:

    Eine Frage die mir zu diesem Beitrag durch den Sinn kommt: Können SchülerInnen wirklich frei sein, wenn sie benotet werden? Oder hindert es sie vielleicht vielmehr daran?

    Für mich ist es Aufgabe der Schule Dinge wie Freiheit, Selbstreflexion, Selbstbestimmung und Toleranz zu vermitteln. Denkmuster zu durchbrechen und neue Gedanken zu teilen. Jeder nimmt das auf was ihn interessiert, was für ihn plausibel erscheint und toleriert aber auch andere Denkweisen. LehrerInnen sollen SchülerInnen begleiten stark und eigenständig zu sein. Besonders wichtig ist auch die Fähigkeit Dinge zu Hinterfragen, richtig zu recherchieren um sich eine Meinung zu Bilden mit anderen darüber Sprechen. Nun liegt es an den LehrerInnen Situationen zu schaffen, bei denen SchülerInnen dazu die Möglichkeit bekommen.

    17. Juni 2020
    Antworten
  16. Ina Zarah S. sagte:

    Peter Bieri: „Von den tausend Erfahrungen, die wir machen, bringen wir höchstens eine zur Sprache. Unter all den stummen Erfahrungen sind diejenigen verborgen, die unserem Leben unbemerkt seine Form, seine Färbung und seine Melodie geben.“
    Bisher war mir dieses Zitat vollkommen unbekannt und deshalb vielleicht umso berührender. Eine Ansicht über den Menschen, die wir nicht nur auf uns selbst beziehen sollten, sondern auch auf unsere Schüler*innen, die ebenso reich an Erfahrung und Einflüssen sind. Diese Erfahrungen werden auch im schulischen Alltag gesammelt und sind ebenso prägend, unabhängig vom Geschehen in- oder außerhalb des Klassenraums. Das Lernen ist dabei vielleicht für einige Schüler*innen eine Erfahrung, die eher mit Zwang und Druck verbunden ist als mit Freiheit, die sie erst später als Folge ihres erlernten Wissens verstehen können. Unabdingbar ist meiner Meinung nach für Lehrkräfte dieses nicht nur als Job, mehr als Berufung zu sehen um auf diese Weise das bestmögliche Lehr- und Lernergebnis zu schaffen. Dazu gehört auch ein hohes Maß an Selbstgefühl und Reflexion, Offenheit und Menschsein – was wohl einfacher klingt als es manchmal getan ist. Wir treten als Mensch vor Menschen. So einfach kann es sein, wenn man die Philosophie des Lehrens verinnerlicht.

    21. Juni 2020
    Antworten
  17. Anastasia Lanfer sagte:

    DIE AutorIN spannt hier einen Bogen von Ihrer beruflichen Erfahrung über ihre Erkenntnisse zu ihren persönlichen Leidenschaften und vermittelt die Untrennbarkeit (aber die Bewusstheit!) der komplexen Einzelanteile einer Lehrperson als Individuum. Selbstreflexion ist das Werkzeug um als gute Lehrperson all seine Fähigkeiten gewinnbringend einzusetzen, sich selbst weiter (und der Didaktik und dem Rahmenlehrplan) treu zu bleiben.
    Auch führt das Zulassen, das Ausgestalten des eigenen Anteils, zu Begeisterung, zu Eigenmotivation, die auf die Schüler überspringt. Lustbetonter Unterricht der jedem seinen Raum gibt, seiner Individualität die Freiheit lässt.

    Ein sehr gelunge Bewerbung des Lehrberufs in all seinen Ausprägungen!

    22. Juni 2020
    Antworten

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