Die Phänomenologie der Lehre

Ein wunderbares Zeichen dafür, dass der Mensch als solcher ursprünglich philosophiert, sind die Fragen der Kinder. Gar nicht selten hört man aus Kindermund, was dem Sinne nach unmittelbar in die Tiefe des Philosophierens geht (Karl Jaspers).

Phänomenologie_des_Geistes

  • Die Lehre (und das Leben) lassen sich nicht nur in Kategorien oder Begrifflichkeiten einteilen.
  • Die Einteilung von Erscheinungsformen des Lebens in Gut/Böse; Fair/Unfair; Gerecht/Ungerecht; Rational/Irrational  und so weiter ist unzureichend.
  • Gliedern Sie doch stattdessen nach Phänomenen.
  • Nehmen wir ein Beispiel aus dem Unterricht. Sie als Lehrende fühlen sich von einem Schüler oder einer Schülerin ständig provoziert.
  • Die junge Person nervt, ist unverschämt, verweigert die Mitarbeit, äußert Ihnen gegenüber Beleidigungen, mobbt andere…..ach, jede/r von Ihnen, geschätzte Lehrerschaft, wird nickend ein Beispiel wissen.
  • Nun können Sie zu Hause sitzen, unzufrieden mit sich und der Situation und denken: Wie löse ich meine Probleme mit Schüler*in x/y.
  • Und da meine ich, dass diese permanente Gedankenschleife zermürbt und zu kurz greift.
  • Provokation ist ein gesellschaftliches Phänomen und sollte von Ihnen als Ganzes ergründet werden. Personenunabhängig.
  • Fragen Sie sich: Wie reagiere ich generell auf Provokationen und wie kann ich diese eleganter parieren. Durch Witz, Übertreibung, positive Wendung und ähnlichem.
  • Dazu müssen Sie in ihr Seelenleben eindringen und sich ehrlich beleuchten. Wenn Sie Ihre Schwächen kennen, können Sie wachsen.
  • Weitere Phänomene unseres Lebens: z. B. die Gehässigkeit. Sie stellt so viel mehr da als es mit dem Begriff ‚mobbing‘ umschrieben werden kann. Sie ist so viel ätzender und vergifteter, aber leider weitverbreitet.
  • Neid, fällt mir gerade ein, Neid ist auch extrem verbreitet. Und die Habgier! Schauen Sie sich um!
  • Wir müssen Phänomene erkennen und gewappnet sein. Dann gelingt uns die Größe der Güte, dann könne wir für die humanen Werte kämpfen. Nichts darf weggeredet oder beschönigt werden.
  • Weitere Phänomene: Rachsucht (kommt in vielen Scheidungsverfahren vor!!!), Verlogenheit, Ichbezogenheit, Eitelkeit, Geltungssucht. Setzen Sie die Kette fort.
  • Schlagen Sie nach bei Shakespeare: Da kommt alles vor
  • Deshalb können Sie ein Kind, dass lügt, natürlich nicht fragen, warum es dies tut. Die Lüge ist in unserer Gesellschaft allgegenwärtig. Schauen Sie sich um. Und blicken wir auch immer zunächst in uns selbst hinein.
  • Es finden sich natürlich auch schöne und seelenvolle Phänomene in unserer Welt. Mitmenschlichkeit, Güte, das Verzeihende, Großzügigkeit und Einfühlsamkeit. Setzen Sie auch diese Kette fort.
  • Das Leben, meine ich, ist in seiner Komplexität nur phänomenologisch zu erfassen. Sie verlieren sich sonst im Kleinklein der Kleinkariertheit und Ihre Gedanken kreisen um das ‚warum‘ und die Problematik von Einzelerscheinungen.
  • Noch ein Beispiel aus meinem Leben. Als meine Mutter dement war, spielten wir ein Tiermemory mit ihr. Es sollten Tierkinder den Eltern zugeordnet werden. Z.B. ein Fohlen zu einem Pferd. Meine Mutter ordnete ein Gänseküken einem ausgewachsenen Elefanten zu. Alle Mitspieler waren entsetzt und erklärten ihr den Unterschied zwischen Gans und Elefanten. Sträflich, meine ich, denn das verunsichert und verängstigt. (Sie weinte). Ich hab dann mit meiner Mutter ihre Entscheidung gefeiert. Mit Humor und Herzlichkeit kann man das Gänseküken als Elefantenkind nämlich auch als einzigartig und originell würdigen.
  • Zuletzt, nach diesem Beispiel, noch einmal ganz eindringlich: In diesem Fall war es das Phänomen der Vergesslichkeit, welches nicht in die gewaltsame Zange der Ratio gepresst werden kann.
  • Wenn Sie störendes Verhalten beim Kind im Sinne der der Phänomenologie parieren (ja, mein Kind, Unzufriedenheit kommt vor, kenne ich auch) wird der Umgang mit dem jungen Menschen ungezwungener, kameradschaftlicher und in gewissem Sinne ‚weise‘.
  • Versuchen Sie nicht, einem Kind alle Sorgen wegzureden und alle Ängste zu nehmen. Erstens geht das nicht (ängstigen und sorgen wir uns nicht alle!?), zweitens spürt ein Kind, wenn Sie oberflächlich trösten wollen und drittens:
  • Angst und Sorge sind wesentliche Phänomene des Menschseins. Schauen Sie nach bei den Existentialisten! Der Sturz in die Existenz, Angst und Sorge als Wegbereiter für eine positive Zuwendung in das Jetzt. So gelingt eine fundierte, lebenszugewandte Heiterkeit auf der Basis des Wissens um die Endlichkeit.
  • An dieser Stelle schließe ich.
  • Nehmen Sie Karl Jaspers beim Wort (siehe oben) und philosophieren Sie gemeinsam mit den Kindern über alle Phänomene dieser Welt. Sie werden nachdenkliche, offene Gesprächspartner*innen finden, von denen Sie noch lernen können.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bildquelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Ph%C3%A4nomenologie_des_Geistes#/media/Datei:Phänomenologie_des_Geistes.jpg

11 Kommentare

  1. Ina Zarah S. sagte:

    Das Gliedern in Phänomenen war mir bis dato noch nicht geläufig, doch erscheint es mir schon in dieser ersten Begegnung so sinnreich, dass es mich begeistert. Hier möchte ich gleich den schon erwähnten Shakespeare heranziehen: „Das ärgste Wissen trägt sich aber leichter als das ärgste Fürchten.“ Wenn wir nun also im Wissen um diese Phänomene, gute und „schlechte“, des menschlichen Lebens sind, eröffnet es uns die Möglichkeit, mit weniger Furcht, weniger Ängstlichkeit oder Unsicherheit diesen alltäglichen Phänomenen gegenüber zu treten. Es ermöglicht uns als Lehrkräften nicht nur, störenden Schüler*innen vernünftiger entgegen zu gehen, sondern ihnen viel mehr unser Verständnis zu vermitteln, auf diesem Weg vielleicht sogar eine Besserung des Verhaltens und Verhältnisses zwischen Lehrer*in und Schüler*in zu erzeugen. Gewiss ist es oft einfacher, negative Phänomene der menschlichen Natur nicht zu beachten, sie klein zu reden oder in knappen Worten abzuhandeln. Hier aber lohnt es sich doch, den schwierigeren Weg zu gehen, sich mit ihnen zu beschäftigen, sie zu durchdenken, zu hinterfragen und auch seine eigene Person im Hinblick auf diese zu reflektieren. Dieses Wissen eröffnet Chancen und Wege des Umgangs und der Kommunikation, die nicht nur im Kontext Schule sehr gewinnbringend sein können. Ebenso haben wir dadurch das Handwerkszeug, auch die kleinsten Lernenden nicht mit bloßen Floskeln abzutun, ihre Sorgen in einem Satz abzuspeisen, sondern weiter zu hinterfragen, nach Karl Jaspers Idee sogar mit ihnen über diese Phänomene, die ihnen alle vielleicht in der Begrifflichkeit aber nicht in Inhalt und Bedeutung fremd sind, zu philosophieren.
    Ein großartiger Beitrag, der nicht nur für mich als Lehrkraft, sondern auch für mich als Person sehr bedeutend ist.

    21. Juni 2020
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  2. Marie Liebach sagte:

    Dieser Beitrag ist für mich allemal ein Denkanstoß.
    Ich denke, dass viele Lehrer*innen deutlich zu personenbezogen agieren. Was natürlich verständlich ist, da die subjektive Wahrnehmung auch im Beruf des Lehrers und der Lehrerin nicht vollständig herauszuhalten ist. Dennoch muss, wie in diesem Beitrag angesprochen, auch die Umwelt gesehen und beachtet werden. Ja, manche Kinder sind mit Sicherheit schwieriger als andere. Aber alle sind mal trotzig, traurig oder müde. Sich deswegen sofort aufzuregen, ohne zu wissen was dahintersteckt und dabei zu vergessen, dass solche Gefühle (bzw. Phänomene) bloß menschlich sind, wäre meiner Meinung nach ein Fehler.
    Diese Ansicht bringt weder einem selbst als Lehrkraft, noch dem Kind etwas. Am Ende sind wohl alle nur gestresst oder schlimmeres. Deswegen finde ich es eine sehr schöne und mit Sicherheit hilfreiche Idee, diese Störungen oder negativ behafteten Verhaltensweisen weniger als Fehler der Kinder sondern mehr als Phänomene und grundlegende Eigenschaften der Menschen anzusehen.

    2. September 2020
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  3. Sandra Allen sagte:

    „Das Leben, meine ich, ist in seiner Komplexität nur phänomenologisch zu erfassen“ – wie recht Sie damit haben!

    Ich arbeite schon mit Grundschülern zusammen und ja, auch ich fühle mich manchmal provoziert, wenn nicht gar beleidigt.
    Auch mich beschäftigen Situationen über den Schulschluss hinaus und auch mich begleiten dunkle Themen, auf die ich dann vielleicht besonders sensibel reagiere.
    Der Umgang mit diesen Themen und meinen persönlichen Schwächen liegt aber ganz allein in meiner Verantwortung, ich danke Ihnen für diesen Denkanstoß.

    Es sind die Phänomene, die den (Schul-) Alltag ausmachen. Und genau diese Phänomene machen die Sache ja so spannend! Es lässt sich eben nicht nur in MusterschülerIn und Klassenclown kategorisieren… (und diese Lehre versuche ich jetzt auch im Lehrerzimmer zu etablieren!!!). Dennoch kann ich die KollegInnen, die Abneigungen gegen bestimmte SchülerInnen haben, verstehen – denn letztendlich sind auch Lehrpersonen nur Menschen, die sich im schlimmsten Fall schon Jahrzehnte grämen.
    Das D2-Seminar und „Die Phänomenologie der Lehre“ haben mich dazu motiviert, ab sofort hinter die Fassade zu blicken – was löst (Fehl-)Verhalten bei den SchülerInnen aus? Auf welcher Ebene kann ich mit ihnen agieren? Was fehlt ihnen und was beschäftigt sie?
    Ihr „Klassen-King“-Beispiel im Seminar war in dieser Hinsicht augenöffnend für mich. Es war und ist mir weiterhin ein Anliegen, den Kindern auf Augenhöhe zu begegnen, denn auch ich hab mal einen schlechten Tag, warum sollte das den SchülerInnen also nicht erlaubt sein?
    Der authentische Umgang damit hat sich in der Vergangenheit schon als hilfreich erwiesen. Authentizität wird belohnt und macht den „Alltag auf Augenhöhe“ so viel angenehmer: „Frau A., Sie sind meine Lieblingslehrerin, denn Sie sind so wie wir“ – welch ein erfüllendes Phänomen!

    3. September 2020
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  4. Isabella M. Kosieniak sagte:

    Ich möchte meinen Blick besonders auf die persönliche Geschichte mit dem Tiermemory richten: ,,Als meine Mutter dement war, spielten wir ein Tiermemory mit ihr. Es sollten Tierkinder den Eltern zugeordnet werden. Z.B. ein Fohlen zu einem Pferd. Meine Mutter ordnete ein Gänseküken einem ausgewachsenen Elefanten zu. Alle Mitspieler waren entsetzt und erklärten ihr den Unterschied zwischen Gans und Elefanten. Sträflich, meine ich, denn das verunsichert und verängstigt. (Sie weinte). Ich hab dann mit meiner Mutter ihre Entscheidung gefeiert. Mit Humor und Herzlichkeit kann man das Gänseküken als Elefantenkind nämlich auch als einzigartig und originell würdigen.“ . Diese Situation hat mich sofort angesprochen, da der Blickwinkel vom eigentlichen Sinn erweitert wird. Die Erweiterung der Perspektive ist eine wertvolle Fähigkeit für Lehrkräfte, um kreativ und anders auf Anmerkungen von Lernenden zu reagieren. Meist erfordert es ein Umdenken, um Schülerinnen und Schüler zu verstehen. Wird eine Antwort unmittelbar als fälschlich angesehen, fühlt sich die Schülerschaft missverstanden. Häufig denken sie bereits im frühen Schulalter weiter als erwartet. Somit sollten diese im ersten Augenblick sehr unlogischen Äußerungen nicht gleich abgestempelt, übersehen und unbedacht kommentiert werden. Diese sind es oft wert ergründet zu werden. So möchte ich den Gedanken, der im ersten Moment ungenügenden Zuordnung der Herkunft, Ihrer Mutter kommentieren. Natürlich erscheint es für den ein oder anderen unlogisch, in einem doch so vermeintlich zugänglichen Spiel, eine solche Antwort zu akzeptieren. Jedoch spiegelt eine so unzugängliche Reaktion eine entsprechende Fantasielosigkeit wider. Wie es so gerne hervorgehoben wird, fehlt die Verzauberung in alltäglichen Ansichten. Schön finde ich es hierbei zu lesen, wie sich doch eine Person auf die zunächst fälschliche Antwort positiv eingelassen hat. Mit einem Perspektivwechsel ist die Ansicht ein Gänsekücken einem Elefanten zuzuordnen aktuell. Viele Familienmitglieder müssen nicht verwandt sein, um einer Familie anzugehören. Dieser Gedankengang repräsentiert ein modernes Gesellschaftsbild, dass in den Köpfen der meisten Menschen noch keinen Platz gefunden hat. Umso mehr freut es mich, wie unbewusst diese Situation das Denken anregt.

    13. September 2020
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  5. Karla Künzel sagte:

    Ein sehr interessanter Blogbeitrag, der mich mein eigenes Leben reflektieren lässt. Kindern erklären zu wollen, weshalb ein bestimmtes Verhalten unangemessen ist und unterlassen werden soll (wie beispielsweise Mobbing), führt meist zu nichts. Jeder Mensch muss seine eigenen Erfahrungen machen und seine eigenen Schlüsse daraus ziehen. Die gesellschaftlichen Regeln und Normen sind nun mal menschengemacht und kein über allem stehendes Naturgesetz, sie zu hinterfragen und auszureizen deshalb nur sinnvoll. Das Ziel sollte doch sein, zu begreifen, weshalb gewisse Regeln aufgestellt wurden und wie sie auch vorteilhaft für einen selbst sein können. In der Grundschule habe ich öfter einen Jungen geärgert, auch da war mir ja eigentlich schon bewusst, „dass man das nicht macht“. Aber richtig gelernt habe ich es erst in der Oberschule. Ich wurde gemobbt und habe die Schule gewechselt. Es war eine schlimme Erfahrung und könnte ich mich entscheiden, würde ich bestimmt lieber darauf verzichten. Aber ich habe auch extrem viel daraus gelernt. Ich würde heute ganz sicher keine gehässigen Kommentare mehr zu Leuten machen. Der folgende Satz stammt, wenn ich mich recht erinnere, aus einem Kinderlied (als Kita-Kind habe ich es gehasst, es löste Unbehagen in mir aus) und leitet heute, wie nichts Anderes, mein gesamtes Handeln: „Was du nicht willst, das man dir tut, das füg’ auch keinem anderen zu“. Würden sich alle Menschen einer Gesellschaft daran halten, wäre sie bestimmt eine bessere. Aber bei einigen Dingen muss man das nun mal erst einmal am eigenen Leibe erfahren. So wird das provozierende Kind sein Verhalten vielleicht erst überdenken, wenn es erwachsen ist und im Arbeitskontext einen Vortrag halten muss, bei dem ein Kollege, die ganze Zeit reinquatscht. Aber besser spät als nie, oder?

    14. September 2020
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  6. Celina Ruft sagte:

    Ein wirklich interessanter Beitrag, der zum Nachdenken anregt.
    Personenunabhängig zu handeln ist auch als Lehrkraft nicht gerade einfach. Wenn ein Kind provoziert oder den Unterricht stört, ist es meist das größte Ziel der Lehrkraft, diese Störung zu unterbinden und das Handlungsprogramm aufrecht zu erhalten. Oft wird der Grund der Störung, die Gefühle hinter dem Verhalten oder, wie Sie es nennen, die Phänomene, nicht hinterfragt. Warum stört das Kind den Unterricht? Wieso verweigert es die Mitarbeit oder welche Gefühle bringen es dazu, die Lehrperson zu provozieren? Oftmals lohnt es sich, hinter all das zu blicken und den Ursprung zu hinterfragen. Besonders interessant fand ich das von Ihnen aufgeführte Beispiel mit dem Memory. Denn wenn ich ganz ehrlich bin, dann wäre meine erste Reaktion ebenfalls gewesen, die betroffene Person aufzuklären und ihren vermeintlichen „Fehler“ zu beheben. Ihr Beitrag und auch die dazugehörigen Kommentare haben mich jedoch dazu gebracht, dies zu hinterfragen und ich stimme Ihnen nun vollkommen zu. Wir müssen unseren eigenen Blickwinkel erweitern und, wie Sie auch in Ihrem Seminar gerne betont haben, die Kinder verzaubern. Und wenn wir ihnen gegenüber etwas offener sind und ihnen auf Augenhöhe begegnen, dann verzaubern sie vielleicht auch uns.

    14. September 2020
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  7. Jan-Niklas Grashof sagte:

    Dieser Beitrag regt definitiv zum Nachdenken an. Die meisten Menschen handeln Personenbezogen. Wenn sich jemand nach eigenem Ermessen ,,richtig“ verhält, ist einem diese Person symphatischer als eine, die sich anders verhält. Aber die Frage, warum sich diese Person so verhält, wird eigentlich nie gestellt. Auch als Lehrer, habe ich dieses Verhalten gesehen und ich selbst bin auch nicht unschuldig. Sobald ein Kind stört, wird es sofort ermahnt mit diesem störenden Verhalten aufzuhören. Warum dieses Kind stört oder was in ihm vorgeht, interessiert keinen. Und an der Stelle setzt dieser Beitrag für mich an. Warum verhält sich das Kind so? Diese Frage werde ich in Zukunft definitiv öfters stellen. Ich will das Kind erreichen und nicht verlieren.
    Das von ihnen erwähnte Beispiel mit ihrer Mutter und dem Memory, hat mich sehr berührt. Ich habe selber mal als Schüler in der 8.Klasse in einem Altersheim in der Demenzabteilung gearbeitet. Was ich dort erlebt habe, hat mich auf jeden Fall deutlich dankbarer gemacht. Ich habe erlebt, wie die Verwandten zu Besuch kamen und wie bedrückt und traurig sie alle waren. Daher kann ich mir minimals vorstellen, was sie mitgemacht haben. Und dann diese Denkweise zu haben und ihre Mutter in ihrem Verhalten zu bestärken und zu unterstützen, hat mir auch die Augen geöffnet. Einfach positiver durchs Leben gehen und Negativität genau damit kontern! Als zukünftiger Lehrer werde ich versuchen genau das zu beherzigen und den Kindern auf Augenhöhe zu begegnen.

    17. September 2020
    Antworten
  8. Katharina Ochmann sagte:

    Die Phänomenologie der Lehre – was für ein phänomenaler Blogeintrag.

    Meine ersten Gedanken während des Lesens dieses Beitrages schwirrten um die Rollen, in die Lehrende, sowie Lernende gedrängt werden. Ein Lehrender muss allwissend sein und die Lernenden stets interessiert und aufmerksam. Besonders die Sätze „[…] ein gesellschaftliches Phänomen und sollte von Ihnen als Ganzes ergründet werden. Personenunabhängig.“ (!) und „[…] (ja, mein Kind, Unzufriedenheit kommt vor, kenne ich auch […]“ haben mich mit Glück erfüllt. Ich bin eine große Verfechterin von einer Lehre auf Augenhöhe. Alle Emotionen, alle Gefühle – das möchte ich vermitteln – sind okay. Wir müssen nur lernen, wie wir sie einsetzen, rauslassen und verarbeiten können. Zu allererst ist kein Verhalten falsch. Es ist an uns und dem jeweiligen Individuum, herauszufinden, woher negative Gedanken und Gefühle kommen, welchen Ursprung sie haben und wie wir mit ihnen umgehen können. Ein abweisender, strafender Umgang gegenüber „störendem“ Verhalten, ist vielleicht im schulischen Setting die erste Aktion, die einem in den Sinn kommt. Doch ist sie nicht immer – meistens nie – gerechtfertigt. Und so kommen wir wieder zur Phänomenologie: Auch Lehrende kennen diese negativen Gefühle, Gefühle von Sich-nicht-gesehen-fühlen. Das dürfen und müssen wir Lernenden auch sprachlich mitteilen. Wir zeigen Verständnis und bauen bei den Lernenden um uns herum ein Verständnis füreinander auf. Das klingt so phänomenal. Doch ist es sicherlich ein schwerer Weg, bis es so phantastisch ist, wie es klingt. Aber eines ist sicher: es lohnt sich.

    Ich selbst arbeite als Erzieherin in einem Kindergarten. Und auch in diesem Setting wird deutlich, welch‘ große Auswirkungen ein kameradschaftlicher, ungezwungener Umgang miteinander ist. Niemand ist allwissend. Und wir alle lernen. Jeden Tag. Immer wieder.
    Und deswegen ist es so wichtig, die eigenen Fähigkeiten zur objektiven Betrachtung zu schulen.
    Ich werde diesen Blogbeitrag im Herzen abspeichern und im beruflichen, sowie im freizeitlichen Alltag immer wieder ausgraben, verinnerlichen und trainieren.
    Vielen Dank für den tollen Denkanstoß!

    17. September 2020
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  9. Janina Segebart sagte:

    So schön geschrieben, mir fehlte bis jetzt völlig der Zugang zur Philospohie. Aber Sie schaffen es ein zu beigeistern und offen für neue Denkanstöße zu sein. Seine eigenen Schwächen zu kennen und sie zu verstehen ist denke ich ein sehr erstrebenswertes Ziel. Ich nehme Provokation oft als Anlass zurechtzuweisen. Viel schöner ist es doch die Person zu überraschen mit positiven Gedanken, mit Verständnis, mit Humor.
    Zudem rühren mich die Geschichten ihrer dementen Mutter sehr. Eine furchtbare Krankheit, an der man die Vergänglichkeit des Lebens sieht, aber man erlebt auch viele herzliche, skurile, lustige und schöne Momente.

    18. September 2020
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  10. Isabel Honold sagte:

    Weisheit – dieses Wort kam mir während des Lesens des Beitrags in den Kopf. Ich dachte zunächst es ist eine Art des „über den Dingen Stehens“, die Sie beschreiben. Aber es ist kein „darüber stehen“ im Sinne der Gleichgültigkeit, sondern eher das Gegenteil. Es ist wohl eher eine ganz intensive Auseinandersetzung mit den Phänomenen, die über den konkreten Situationen stehen. Sie sind nicht greifbar, man kann sie nicht sehen, riechen oder anfassen und trotzdem bestimmen sie unser Denken und Handeln. Genau diese Eigenschaft ist wohl auch der Grund, warum diese Wörter in der Grundschule kaum auftauchen. „Der Neid“ – ja das ist zwar auch eine Namenwort, aber man kann ihn nicht anfassen, also konzentriert man sich lieber auf Wörter wie „der Baum“, „die Blume“ oder „das Haus“.
    Auch ein Blick in die Literatur bestätigt die Relevanz dieser nicht – greifbaren Phänomene. Eines von unzähligen Beispielen sind „Die Räuber“ von Schiller. So ist es wohl kaum die körperliche Existenz in seiner sichtbaren und fassbaren Gestalt des Bruders Karl von Moor, sondern die Phänomene des Neids, des Liebesentzugs und der Rachsucht, die das Handeln des anderen Bruders Franz von Moor motivieren.
    Dieses von Ihnen beschriebene Wissen und die Einsicht über die Phänomene des Lebens so zu verinnerlichen, dass man in einer stressigen und emotionalen Situation in der Schule so besonnen und „weise“ reagiert, erscheint mir jedoch gerade als BerufsanfängerIn nicht für jede (n) leicht und braucht Zeit und auch Erfahrung. Und ich frage mich, ob es nicht auch notwendig ist die Dinge in ihrer Kleinkariertheit praktisch zu klären. Denn vielleicht sind gerade diese Erfahrungen wichtig, um die darüber stehenden Phänomene zu erkennen und gemeinsam mit den Kindern die Phänomene des Lebens zu erkunden. Und zu diesem Punkt des Begegnens auf Augenhöhe und der Wertschätzung der Kinder fällt mir abschließend noch eine Geschichte aus dem Schulpraktikum ein.
    Im Kunstunterricht sollten die Kinder das Sams (Figur von Paul Maar) malen. Ein Kind malte jedoch einen Kasten auf dem Wasser und bekam daraufhin zuerst Ärger von einer Erzieherin, die meinte er solle doch zuhören und die Aufgabe richtig machen. Der Lehrer jedoch zeigte ernsthaftes Interesse an dem Kunstwerk des Kindes und fragte nach, wo genau denn das Sams wäre. Das Kind erklärte, es sei in dem Kasten, denn dieser wäre ein Fernseher und er hätte eben das Sams im Fernseher gemalt. Der Lehrer führte ein angeregtes Gespräch mit dem Kind über sein Werk und begegnete ihm so auf einer Ebene. Und daran sieht man, wie Recht Sie haben mit der letzten Aussage : „philosophieren Sie gemeinsam mit den Kindern über alle Phänomene dieser Welt. Sie werden nachdenkliche, offene Gesprächspartner*innen finden, von denen Sie noch lernen können.“.

    18. September 2020
    Antworten

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