Die Phänomenologie der Lehre

Ein wunderbares Zeichen dafür, dass der Mensch als solcher ursprünglich philosophiert, sind die Fragen der Kinder. Gar nicht selten hört man aus Kindermund, was dem Sinne nach unmittelbar in die Tiefe des Philosophierens geht (Karl Jaspers).

Phänomenologie_des_Geistes

  • Die Lehre (und das Leben) lassen sich nicht nur in Kategorien oder Begrifflichkeiten einteilen.
  • Die Einteilung von Erscheinungsformen des Lebens in Gut/Böse; Fair/Unfair; Gerecht/Ungerecht; Rational/Irrational  und so weiter ist unzureichend.
  • Gliedern Sie doch stattdessen nach Phänomenen.
  • Nehmen wir ein Beispiel aus dem Unterricht. Sie als Lehrende fühlen sich von einem Schüler oder einer Schülerin ständig provoziert.
  • Die junge Person nervt, ist unverschämt, verweigert die Mitarbeit, äußert Ihnen gegenüber Beleidigungen, mobbt andere…..ach, jede/r von Ihnen, geschätzte Lehrerschaft, wird nickend ein Beispiel wissen.
  • Nun können Sie zu Hause sitzen, unzufrieden mit sich und der Situation und denken: Wie löse ich meine Probleme mit Schüler*in x/y.
  • Und da meine ich, dass diese permanente Gedankenschleife zermürbt und zu kurz greift.
  • Provokation ist ein gesellschaftliches Phänomen und sollte von Ihnen als Ganzes ergründet werden. Personenunabhängig.
  • Fragen Sie sich: Wie reagiere ich generell auf Provokationen und wie kann ich diese eleganter parieren. Durch Witz, Übertreibung, positive Wendung und ähnlichem.
  • Dazu müssen Sie in ihr Seelenleben eindringen und sich ehrlich beleuchten. Wenn Sie Ihre Schwächen kennen, können Sie wachsen.
  • Weitere Phänomene unseres Lebens: z. B. die Gehässigkeit. Sie stellt so viel mehr da als es mit dem Begriff ‚mobbing‘ umschrieben werden kann. Sie ist so viel ätzender und vergifteter, aber leider weitverbreitet.
  • Neid, fällt mir gerade ein, Neid ist auch extrem verbreitet. Und die Habgier! Schauen Sie sich um!
  • Wir müssen Phänomene erkennen und gewappnet sein. Dann gelingt uns die Größe der Güte, dann könne wir für die humanen Werte kämpfen. Nichts darf weggeredet oder beschönigt werden.
  • Weitere Phänomene: Rachsucht (kommt in vielen Scheidungsverfahren vor!!!), Verlogenheit, Ichbezogenheit, Eitelkeit, Geltungssucht. Setzen Sie die Kette fort.
  • Schlagen Sie nach bei Shakespeare: Da kommt alles vor
  • Deshalb können Sie ein Kind, dass lügt, natürlich nicht fragen, warum es dies tut. Die Lüge ist in unserer Gesellschaft allgegenwärtig. Schauen Sie sich um. Und blicken wir auch immer zunächst in uns selbst hinein.
  • Es finden sich natürlich auch schöne und seelenvolle Phänomene in unserer Welt. Mitmenschlichkeit, Güte, das Verzeihende, Großzügigkeit und Einfühlsamkeit. Setzen Sie auch diese Kette fort.
  • Das Leben, meine ich, ist in seiner Komplexität nur phänomenologisch zu erfassen. Sie verlieren sich sonst im Kleinklein der Kleinkariertheit und Ihre Gedanken kreisen um das ‚warum‘ und die Problematik von Einzelerscheinungen.
  • Noch ein Beispiel aus meinem Leben. Als meine Mutter dement war, spielten wir ein Tiermemory mit ihr. Es sollten Tierkinder den Eltern zugeordnet werden. Z.B. ein Fohlen zu einem Pferd. Meine Mutter ordnete ein Gänseküken einem ausgewachsenen Elefanten zu. Alle Mitspieler waren entsetzt und erklärten ihr den Unterschied zwischen Gans und Elefanten. Sträflich, meine ich, denn das verunsichert und verängstigt. (Sie weinte). Ich hab dann mit meiner Mutter ihre Entscheidung gefeiert. Mit Humor und Herzlichkeit kann man das Gänseküken als Elefantenkind nämlich auch als einzigartig und originell würdigen.
  • Zuletzt, nach diesem Beispiel, noch einmal ganz eindringlich: In diesem Fall war es das Phänomen der Vergesslichkeit, welches nicht in die gewaltsame Zange der Ratio gepresst werden kann.
  • Wenn Sie störendes Verhalten beim Kind im Sinne der der Phänomenologie parieren (ja, mein Kind, Unzufriedenheit kommt vor, kenne ich auch) wird der Umgang mit dem jungen Menschen ungezwungener, kameradschaftlicher und in gewissem Sinne ‚weise‘.
  • Versuchen Sie nicht, einem Kind alle Sorgen wegzureden und alle Ängste zu nehmen. Erstens geht das nicht (ängstigen und sorgen wir uns nicht alle!?), zweitens spürt ein Kind, wenn Sie oberflächlich trösten wollen und drittens:
  • Angst und Sorge sind wesentliche Phänomene des Menschseins. Schauen Sie nach bei den Existentialisten! Der Sturz in die Existenz, Angst und Sorge als Wegbereiter für eine positive Zuwendung in das Jetzt. So gelingt eine fundierte, lebenszugewandte Heiterkeit auf der Basis des Wissens um die Endlichkeit.
  • An dieser Stelle schließe ich.
  • Nehmen Sie Karl Jaspers beim Wort (siehe oben) und philosophieren Sie gemeinsam mit den Kindern über alle Phänomene dieser Welt. Sie werden nachdenkliche, offene Gesprächspartner*innen finden, von denen Sie noch lernen können.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bildquelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Ph%C3%A4nomenologie_des_Geistes#/media/Datei:Phänomenologie_des_Geistes.jpg

2 Kommentare

  1. Ina Zarah S. sagte:

    Das Gliedern in Phänomenen war mir bis dato noch nicht geläufig, doch erscheint es mir schon in dieser ersten Begegnung so sinnreich, dass es mich begeistert. Hier möchte ich gleich den schon erwähnten Shakespeare heranziehen: „Das ärgste Wissen trägt sich aber leichter als das ärgste Fürchten.“ Wenn wir nun also im Wissen um diese Phänomene, gute und „schlechte“, des menschlichen Lebens sind, eröffnet es uns die Möglichkeit, mit weniger Furcht, weniger Ängstlichkeit oder Unsicherheit diesen alltäglichen Phänomenen gegenüber zu treten. Es ermöglicht uns als Lehrkräften nicht nur, störenden Schüler*innen vernünftiger entgegen zu gehen, sondern ihnen viel mehr unser Verständnis zu vermitteln, auf diesem Weg vielleicht sogar eine Besserung des Verhaltens und Verhältnisses zwischen Lehrer*in und Schüler*in zu erzeugen. Gewiss ist es oft einfacher, negative Phänomene der menschlichen Natur nicht zu beachten, sie klein zu reden oder in knappen Worten abzuhandeln. Hier aber lohnt es sich doch, den schwierigeren Weg zu gehen, sich mit ihnen zu beschäftigen, sie zu durchdenken, zu hinterfragen und auch seine eigene Person im Hinblick auf diese zu reflektieren. Dieses Wissen eröffnet Chancen und Wege des Umgangs und der Kommunikation, die nicht nur im Kontext Schule sehr gewinnbringend sein können. Ebenso haben wir dadurch das Handwerkszeug, auch die kleinsten Lernenden nicht mit bloßen Floskeln abzutun, ihre Sorgen in einem Satz abzuspeisen, sondern weiter zu hinterfragen, nach Karl Jaspers Idee sogar mit ihnen über diese Phänomene, die ihnen alle vielleicht in der Begrifflichkeit aber nicht in Inhalt und Bedeutung fremd sind, zu philosophieren.
    Ein großartiger Beitrag, der nicht nur für mich als Lehrkraft, sondern auch für mich als Person sehr bedeutend ist.

    21. Juni 2020
    Antworten

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