Die Sehnsucht als methodischer Gegenstand

Für meine Studierenden im Wintersemester 2020/21, die ich so gerne persönlich getroffen hätte! 
Es gab berührende Momente der Offenheit. 

Ihm ist als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt (Rilke).

Panther

  • Arbeiten wir doch noch einmal epochal. Sie werden sehen, es geht um weit mehr als um  ein Tier in Gefangenschaft.
  • Zunächst einmal schauen wir uns den schwarzen Panther in freier Wildbahn an. Hier ein kurzes Video. Panther in der Wildbahn
  • Achten Sie doch auf die Umgebung, die Landschaft, seinen Gang und seinen Blick. Vielleicht suchen wir Adjektive dafür.
  • Sie merken, ich trenne die Aufgaben nicht mehr für Erwachsene und Kinder. Ihren Kommentaren entnehme ich, dass Sie einverstanden sind, uns als gemeinsam ‚Suchende‘ zu charakterisieren. Deshalb sind epochale Lerngegenstände  auch so altersübergreifend von Interesse.
  • Gut, zurück zum Panther: Stolzer Gang, stechender Blick, grüne Savanne? Suchen Sie selbst, vielleicht sehen Sie die Eigenschaft anders. Wichtig ist nur, dass wir uns mit diesen Schlüsselcharakteristika auseinandergesetzt haben. Denn jetzt ist es Zeit für Rainer Maria Rilke.

panther text

 

 

 

 

 

 

 

  • Auch hier bietet sich eine musikalische Untermalung an. Händel Sarabande
  • Was finden wir im Text wieder? Zunächst einmal den Blick und den Gang des Panthers. Für ungeübtere Leser*innen eine unglaubliche Erleicherung. Auf Bekanntes stoßen. Nicht hilflos vor Wortungetümen sitzen. (Mich entlastet die Vorgehensweise auch. Es gibt Gedichte auf die ich jahrelang mit Unverständnis starrte. ‚Nänie‘ von Friedrich Schiller ist so ein Beispiel. Vielleicht davon mehr im nächsten Beitrag).
  • Jetzt markieren die Kinder die Wörter, die für sie von Bedeutung sind.
  • Wir müssen nicht Zeile für Zeile, Wort für Wort klären.
  • Schon gar nicht: Was habt ihr nicht verstanden? Ich mit meinen Kindern beginne den Spaziergang durch einen Text an den Stellen, die wir verstehen.
  • Unserer Stimmung geben wir jetzt mit einem vielstimmigen ‚cluster‘ Ausdruck. Jedes Kind spricht (ohne sich zu melden) ein für sich wichtiges Wort aus dem Gedicht in den Klassenverband. (All das geht natürlich auch digital, z.B. in einer Videoschaltung).
  • Stellen Sie sich jetzt den ’sound‘ der Sehnsucht vor, das ‚longing for‘ des Panthers: Blick, Stäbe, tausend Stäbe, der weiche Gang, hört im Herzen auf zu sein, Tanz von Kraft, usw..
  • Vielleicht trauen Sie sich ja, das Stimmenorchester zu dirigieren. Setzen Sie Schwerpunkte, Wiederholungen, Lautstärke, Tempi. Besonders ergreifend wird ihr ‚cluster‘, wenn es mit einem gehauchten: ‚…und hört im Herzen auf zu sein‘ endet.
  • Ein beeindruckendes Beispiel aus Italien: Nabucco Gefangenenchor
  • Der Schreibauftrag (auch zeichnerisch zu lösen) leitet sich aus der dritten Strophe ab. Der Vorhang der Pantherpupille schiebt sich auf und es geht ein Bild hinein. Was sieht der Panther?
  • Vielleicht verteilen Sie ein Bild von einem Pantherauge, und lassen zeichnen. Die eine Hälfte Stäbe, die andere Freiheit.
  • Auf die Frage, was der Panther sieht, werden Sie die erstaunlichsten und einfühlsamsten Antworten (gerade von rebellischen Schüler*innen) erhalten. Alle, die das ausprobiert haben, bestätigen es. Er sieht seine Heimat, seine Familie, die Freiheit des Jagens, den Traum, aus dem dem Gefängnis zu entfliehen… . (Ich weiß, das Einige von Ihnen jetzt schon mitfabulieren).
  • Zum Abschluss ein möglicher Übertrag auf mich und mein menschliches Dasein als Individuum: Welche Stäbe hindern mich /dich/uns am freien Leben? Was engt mich ein, wovon träume ich, was ist meine Sehnsucht.
  • Lösen Sie diese Aufgabe gemeinsam mit den Kindern. Es lohnt sich. Die Kinder sehen Sie dann als Partner der Sinnsuche.
  • Noch ein Schlusswort, ernst: Der Schutz der Tiere ist unglaublich wichtig, die Liebe zu ihnen ein Schlüssel dafür.
  • Doch: Schreiben Sie den Tieren keine schmalbrüstigen menschlichen Eigenschaften zu; etwa: ,wie süß, wie putzig, jetzt schämt es sich, jetzt ist es verlegen, jetzt möchte es sich entschuldigen…‘ .
  • Nein, dies nimmt jedem Tier die Würde. Sie sind uns in Vielem so unendlich überlegen, sie durchqueren Ozeane, sie orientieren sich nachts, sie erinnern Vorräte, sie riechen 1000mal besser als wir, einige haben einen unglaublich scharfen Blick, sie ziehen nach Afrika und viele viele Charakteristika mehr.
  • Sie sehen es selbst, was soll da noch unser jämmerlicher von Menschen erdachter Verhaltenskatalog.
    Bildquelle: Diese nicht mehr ermittelbar. Ähnliches: https://www.google.com/search?q=schwarzer+panther+zoo&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=2ahUKEwj1p5q-gZTuAhVOhRoKHSE-D-QQ_AUoAXoECAkQAw&biw=1598&bih=938#imgrc=07HLd_sLRiSk6M

34 Kommentare

  1. Fred Rauch sagte:

    Oh ja, hinter tausend Stäben keine Welt… Sind wir nicht alle eigentlich Panther? Und momentan ganz besonders?
    Aber man muss genau lesen: Ihm ist, also ob es tausend Stäbe GÄBE und hinter tausend Stäben keine Welt.
    Es gibt sie ja die Welt. Sie ist immer noch da. Das dürfen wir nicht vergessen.
    Ich denke in letzter Zeit oft an eine Zeile aus einem Lied: „Fahr doch mit dem Fahrrad in ein anderes Stadtgebiet, sag Hallo“ zu einem Mädchen, das dich erstmal übersieht…“
    Sie ist noch da die Stadt, die Welt. Man sollte sie nach den aktuellen Möglichkeiten bereisen. Das tut gut und das kann der Panther nicht. Das ist wohl der traurige Unterschied.
    Vielen Dank für den Unterrichtstipp, der auch sehr gut die Differenzierung ermöglicht.
    Allerdings sollte er einfühlsam zum Einsatz kommen. Ich kann mir vorstellen, dass es sonst Kinder gibt, die in Tränen ausbrechen und nie mehr ohne Schuldgefühle in den Zoo gehen.

    13. Januar 2021
    Antworten
  2. Alex sagte:

    wie der Panter im Käfig fühle ich mich gerade manchmal auch….
    zusätzlich zum eingesperrt sein kommt das Gefühl des ertrinkens in Aufgaben…

    aber davon abgesehen geht es mir gut :)

    ich finde es aber toll, dass du dieser Situation auch noch Material abgewinnen kannst und daraus eine Unterrichtseinheit entwickelst. Dazu die 0ptionen das Thema mit Musik und Bildmaterial zu unterstützen, bzw. die Lösung der Schreibaufgabe zum zeichnen anbietest.
    danke dir und dir auch alles beste von Herzen

    13. Januar 2021
    Antworten
  3. Beyza Demir sagte:

    ,,Ihm ist als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt“
    Rilkes Zeile bringt mich immer wieder zum Nachdenken. Zunächst einmal bedanke ich mich für den tollen Impuls! Dieses Gedicht hatten wir auch schon in einem meiner besuchten Deutschseminare behandelt – und ich merke, wie man das Thema und die Umsetzung immer wieder neu aufgreifen kann.
    Nun verweile ich an deiner Frage ,,Welche Stäbe hindern mich /dich/uns am freien Leben? Was engt mich ein, wovon träume ich, was ist meine Sehnsucht?“
    Eine Frage, die mich dazu verleitet, die unsichtbaren Grenzen meines Seins aufzudecken.

    13. Januar 2021
    Antworten
    • Katharina Bork sagte:

      Ein ganz toller Beitrag zu dem vorangegangenen Eintrag! Und deine aufgeworfenen Fragen am Ende – Chapeau!

      17. Januar 2021
      Antworten
    • Maria Bennewitz sagte:

      Ich möcht hier anknüpfen, da deine Frage zum Schluss einfach so eine grundlegende philosophische ist. Immer wieder stoßen wir bei den Unterrichtsanregungen auf viel mehr als nur die Poetik und das Fach Deutsch. Es geht ums Leben. Um das Leben der Menschen, der Tiere, der Natur. Es geht um das Reflektieren, eigene Gedanken formulieren, eigene Gefühle fühlen und sie zulassen. Sie alle zulassen und zu sortieren. Mir machen all diese Impulse Mut und geben mir Hoffnung, dass Schule kein staubiger Platz des Absitzens ist, sondern ein Ort des lebendigen Austauschs sein kann, den man ein Leben lang im Herzen trägt.

      27. Januar 2021
      Antworten
  4. Matea Matic sagte:

    Zunächst fand ich die möglichen Bearbeitungsideen zu diesem Gedicht sehr vielfältig und kreativ. Vielen Dank für die Impulse!
    Auch mich haben die Fragen: Welche Stäbe hindern mich /dich/uns am freien Leben? Was engt mich ein, wovon träume ich, was ist meine Sehnsucht, zum Nachdenken gebracht wird.
    In der aktuellen Zeit leiden viele unter diesen Bedingungen. Doch selten spricht man darüber und denkt darüber nach. Auch für Kinder ist es wichtig sich mit diesen Fragen in der Schule und Privat mit den Eltern auseinanderzusetzen. Denn dadurch verlieren sie auch in schwierigen Phasen ihr Ziel nicht aus den Augen.

    14. Januar 2021
    Antworten
  5. Josefine Schalk sagte:

    Beenden wir also das Semester so wie wir es begonnen haben — mit dem Panther von Rainer Maria Rilke. Schon vor zwei Monaten teilte ich meine Begeisterung für dieses poetische Werk mit. Und obwohl ich mich jetzt schon das soundsovielte Mal damit beschäftige, löst es doch jedes Mal etwas anderes aus, regt einen anderen Gedanken an.
    Diesmal komme ich darüber ins Nachdenken, wieviel mehr Aufmerksamkeit doch auch den Kindern in dieser Zeit der Pandemie zukommen sollte.
    Der Panther ist beschränkt durch die Stäbe — durch von außen gesetzte, ihm unverständliche Grenzen — die ihn daran hindern, seinen eigentlichen Bedürfnissen und Wünschen nachzugehen.
    Viele Tipps und Hilfen können wir Erwachsene uns momentan von außen holen, wie wir mit den Umständen der Kontaktbeschränkungen, des Zuhausebleibens usw. umgehen können. Probleme treten trotzdem bei vielen von uns auf.
    Auch die Lebenswelt der Kinder ist eingeschränkt. Und sie bekommen die Sorgen der Erwachsenen mit. Ihnen bietet sich allerdings alleine weit weniger die Chance, Möglichkeiten des Ausgleichs, des auf sich Achtgebens kennenzulernen und zu nutzen.
    In wie weit wird ihnen von Bezugspersonen die momentane Situation erklärt? Wieviel können sie davon verstehen? Zu oft wird einfach vorausgesetzt, dass Kinder schon damit klar kommen werden. Sie beschweren sich meistens ja nicht so offensichtlich über die Situation wie wir Großen.
    Ich möchte hier einen Impuls geben, die Kinder im eigenen näheren Umfeld einfach mal zu fragen: Wie geht es dir in dieser Zeit? Welche Fragen oder Ängste hast du? Was ist schwer für dich? Kann ich dich dabei begleiten?

    Danke für diesen Unterrichtsvorschlag.

    14. Januar 2021
    Antworten
  6. Lena Schweda sagte:

    Zunächst einmal vielen Dank für den wundervollen Beitrag, ich werde wirklich selten derart zum Nachdenken angeregt, wie auf dieser Seite. Ich freue mich schon jetzt darauf, später auf viele der hier geposteten Ideen zurückzugreifen.
    Ich las den Beitrag heute Morgen im Bett mit meinem kleinen roten Panther auf dem Bauch, der über meine Schulter hinweg durch das Fenster auf den verschneiten Hof sah. Augenblicklich kam mir der Gedanke, dass mein Kater die Außenwelt sein fast 15-jähriges Leben lang nur durch Fenster, seine Art der Stäbe, gesehen hatte. Ich habe ihn vor 3 Jahren zu mir genommen und alle Versuche, ihn mit der Welt vertraut zu machen, schüchterten ihn ein. Sein Schnurren signalisiert mir, dass er glücklich ist, doch wie glücklich wäre er erst, wenn ihm die Möglichkeiten, die die offene Welt bietet, nicht verwährt geblieben wären? Ebenso schwer muss es für einige Kinder sein, sich mit dem zu konfrontieren, was fehlt, ob nun auf den Panther im Zoo oder sich selbst bezogen. Doch auch wenn der Panther nicht befreit und Wünsche nicht immer sofort erfüllt werden können, so verhilft es doch zu neuer Energie, sich der eigenen Träume und Sehnsüchte bewusst zu werden. Als „Partner der Sinnsuche“ aufzutreten erscheint mir hier als ganz wunderbare Idee, denn ich wage zu behaupten, dass niemand frei von Träumen ist. Auch (oder sogar ganz besonders) Erwachsene nicht.

    14. Januar 2021
    Antworten
    • Ule Gappa sagte:

      Lass die Träume hinter dir und beginne zu sein.
      Töte deine Träume und fang an zu sein
      Killl your dreams and start to be….
      Don’t be a product, be a processsssss!!!!

      14. Januar 2021
      Antworten
  7. Aylin P. sagte:

    Wieder ein sehr schöner Beitrag. Vielen Dank für die tolle Unterrichtsidee! Hier zu passend, würde ich in die Unterrichtseinheit auf jeden Fall folgende Begriffe miteinbinden: Wunder und Hoffnung. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit sehr gering ist, kann der Panther ausbrechen. Es ist wichtig darüber zu sprechen, dass wir uns alle mal so fühlen, aber es gibt noch Hoffnung und Wunder, deswegen sollte “Aufgeben“ keine Option sein. SuS sollten verstehen, es ist völlig natürlich sich manchmal wie dieser Panther zu fühlen, dass wichtigste dabei ist, sich aus dieser Situation zu befreien.

    14. Januar 2021
    Antworten
  8. Jessica Perkovic sagte:

    Ich war noch auf der Suche nach einer Unterrichtsidee, die ich mit den Kindern digital umsetzen kann. Dann kam ihre E-Mail und ich las die Unterrichtsanregung mit Rilkes Gedicht und dem Panther. Eine wunderbare Idee, um mit den Kindern über ihre Gefühle in der jetzigen Zeit zu sprechen und ihnen gleichzeitig die Möglichkeit zu geben, aus der Perspektive des Panthers zu reflektieren.
    Liebe Frau Ziesmer, haben Sie vielen Dank für Ihre anregende und bereichernde Sichtweise auf den Deutschunterricht! Ich habe gelernt, Kindern mehr zuzutrauen, sie herauszufordern, ihren Gedanken Raum zu geben und ihnen vor allem zuzuhören. Alles Gute für Sie!

    14. Januar 2021
    Antworten
    • Daniela H. sagte:

      Was für eine tolle Idee, diese Einheit gerade jetzt durchzuführen. Wahrscheinlich können sich während dieser Pandemie und durch die daraus resultierenden Einschränkungen besonders viele mit diesem Bild identifizieren. Schön finde ich auch, dass in Ihrem Vorschlag Frau Ziesmer, einmal nicht das volle Textveständnis der Schüler*innen gefordert wird, sondern an den Punkten angesetzt wird, die sie verstehen.

      15. Januar 2021
      Antworten
    • Şebnem Işık sagte:

      Ich schließe mich den Worten von Daniela an.
      Es ist schätzenswert, dass Du ihnen die Gelegenheit bietest, über ihre Gefühle zu sprechen. Ich bin der festen Überzeugung, dass die Kinder tolle Ergebnisse liefern werden.
      Viel Erfolg und Kraft!

      18. Januar 2021
      Antworten
  9. Lena J. sagte:

    Vielen lieben Dank mal wieder für all diese wunderbaren Ideen für eine spannende und interessante Unterrichtsreihe im Deutschunterricht – die man auch wund Erbar fächerübergreifend planen kann.

    All die Impulse zur Gedichtsbearbeitung gefallen mir sehr gut und bringen mich zum nachdenken.

    Vor allem die Aussage: “ Ich mit meinen Kindern beginne den Spaziergang durch einen Text an den Stellen, die wir verstehen.“ So eine wichtiger Aussage, die ich hoffentlich in der Zeit des Referendariats noch erinnere. Denn wie habe ich es gehasst, wenn die Freya von der Lehrkraft kam: So jetzt habt ihr das Gedicht alle gelesen. Was habt ihr denn nicht verstanden? Warum spricht man denn nicht erst einmal über die positiven Dinge, die Passagen die man verstanden hat?!

    15. Januar 2021
    Antworten
  10. Mandana Eslamizad sagte:

    Der Panther ist beschränkt durch die umgebenen Stäbe, die ihn in seiner Freiheit berauben. Wir Menschen sind verantwortlich dafür. Wie fühlen sich Menschen, wenn sie hinter Stäbe gesperrt werden und ihrer Freiheit beraubt werden?
    Bei Menschen spricht man darüber, dass die Würde des Menschen unantastbar sei. Warum ist die Würde der Tiere nicht unantastbar? Interessant finde ich auch, dass die Seltenheit den schwarzen Leoparden wiederum zu etwas einzigartigem macht. An dieser Stelle kommt mir der Gedanke auf, dass der seltene schwarze Panther auch eine Metapher sein kann für etwas was es gibt, wovon wir womöglich noch nichts wissen.

    15. Januar 2021
    Antworten
  11. Mareike Ulbrich sagte:

    Wieder ein toller Beitrag! Danke.

    Ich finde es immer wieder erstaunlich aus welchen Winkeln man solche Themen betrachten kann und welche Vielfalt es an Möglichkeiten für Zugänge gibt.
    Die Kombination aus den Sinnen und den Emotionen, ist überwältigend. Die musikalischen Beiträge haben mich sehr berührt.
    Meine Neugier ist geweckt, was die Schüler*innen wohl zeichnen und ob sie vielleicht eine Verknüpfung zu ihrem Leben oder einer Situation herstellen, in der sie genau das gefühlt haben.
    Ein sehr interessanter und fächerübergreifender Unterrichtsentwurf.
    In diesem Seminar habe ich sehr viel gelernt und Mut gefasst, mich in der Zukunft mit den Schüler*innen auch in diese Weiten der Poesie zu bewegen.

    15. Januar 2021
    Antworten
  12. Anne-Sophie Bach sagte:

    Ich finde den Beitrag auch total gelungen! Ich finde es sehr wichtig, die Themen aus verschieben Winkeln zu betrachten. Gerade durch das künstlerische oder auch musische können besser Verknüpfungen bei den Schüler und Schülerinnen entstehen. Dabei können sie sich auch vielfältiger ausdrücken.

    17. Januar 2021
    Antworten
  13. Katharina Bork sagte:

    Vielen Dank für diesen tollen und ergreifenden Unterrichtsentwurf. Ich freue mich auf den Tag, an dem ich meine Neugier auf die Reaktionen und Ergebnisse der Kinder beschwichtigen kann.
    Die Zeilen von Rainer Maria Rilke haben mich sehr zum Nachdenken gebracht, besonders im Bezug auf die schwierigen Zeiten, die wir alle durchleben. Auch die dazu aufgeworfenen Fragen – mein Gedanken-Karussell war ordentlich in Betrieb.

    17. Januar 2021
    Antworten
  14. Michael R. sagte:

    Sehnsucht ist dieser Tage ein uns immanentes Verlangen. In Zeiten des Lockdowns (zu unserer eigenen Sicherheit) ist es der Wunsch zu sehen, zu hören, gar zu fühlen, was uns fern bleiben muss.

    Nicht nur in diesen Zeiten verspüren wir Sehnsucht. Worin drückt sich dieses Verlangen aus? Wie können wir etwas so Natürliches in unseren Unterricht integrieren, sodass ein Lernsetting entstehen möge, die wirklich bilden? Und damit sei keine Bildung in dem Nicht Sinne einer dem Unterricht scheinbar inhärenten Vermittlung von Fakten verstanden! Aus diesem Grund finde ich das oben beschriebene epochale Lernen als so sinnvoll für die Schülerinnen und Schüler. Die Verwendung verschiedener – und doch zueinander passenden – Lernangebote ermöglichen einen umfassenden, gar schon philosophischen Blick in die Seelen- und Gedankenwelt der Lernenden. Ist die Schule nicht manchmal auch wie das oben dargestellte Pantherbild? Sitzen die Schülerinnen und Schüler nicht auch hinter Gittern? Gefesselt? Gibt es nicht Momente, in denen wir selbst so empfinden könnten, dass wir unsere Spähre nicht mehr erweitern können und von stählernen Ranken umwoben, an unserem eigenen Ausbruch gehindert werden. Ich glaube, dass dieses Setting eben den Ausbruch gar die Entfesslung der eigenen Gefühle und Gedanken, der immanenten Vorstellungen und Wünsche Rechnung tragen könnte.

    Vielen Dank für diesen wundervollen Unterrichtsvorschlag!

    17. Januar 2021
    Antworten
  15. Christopher Mischow sagte:

    Neben dem Gesamtkonzept ist für mich hier ein Gedanke sehr wertvoll und auf viele andere Unterrichtseinheiten zur Arbeit mit (schwierigeren) Texten übertragbar:
    „Wir müssen nicht Zeile für Zeile, Wort für Wort klären. Schon gar nicht: Was habt ihr nicht verstanden? Ich mit meinen Kindern beginne den Spaziergang durch einen Text an den Stellen, die wir verstehen.“
    Auch wenn es vielleicht verlockend ist, erstmal Unklarheiten zu beseitigen durch die Frage „Was habt ihr nicht verstanden?“, so sind es doch diese Unklarheiten, die das Geheimnisvolle und Besondere eines Gedichts ausmachen können. Und es ist gerade spannend, nach und nach Bedeutung in einem Gedicht zu entdecken. Anfängliche Unklarheiten können die Kinder mitunter selbst für sich klären. Mich hat dieser Beitrag daran erinnert, dass ich als Lehrer diese Erfahrung den Kindern nicht wegnehmen sollte.

    17. Januar 2021
    Antworten
  16. Marleen Platzer sagte:

    Vielen Dank für dieses gelungene und so aktuelle Unterrichtsbeispiel, welches Schritt für Schritt immer tiefgründiger wird und man so die Möglichkeit bekommt, in einen intensiven Austausch mit den Kindern zu kommen. Besonders hat mir gefallen, dass sie das Gedicht zum Abschluss auf das Individuum übertragen haben und man so über Ängste, Sehnsüchte und Träume nachdenken und sprechen kann. Besonders in dieser Zeit ist es wichtig, dass auch Kinder eine Möglichkeit bekommen sich auszutauschen und dass sie das Gefühl bekommen, nicht alleine zu sein. Ihre Lebenswelt ist ebenso eingeschränkt wie unsere und da viele Kinder schnell verunsichert werden ist es besonders wichtig diese zu begleiten, zu unterstützen und für sie da zu sein.

    18. Januar 2021
    Antworten
    • Linda Pa sagte:

      Ich kann mich Marleen nur anschließen: Das Gedicht als Anlass zu nehmen, um über Ängste und Träume zu sprechen, finde ich großartig. Auch, dass man nicht so konventionell vorgeht und das Gedicht Zeile für Zeile bespricht, gefällt mir sehr. In meinem eigenen Deutschunterricht hat mir das die Freude an der Lyrik genommen. Die Idee mit den Stimmernchor klingt fabelhaft, ich werde sie auf jeden Fall erproben. Vielen Dank für diese Inspiration!

      21. Januar 2021
      Antworten
  17. Laura Schmidt sagte:

    Wieder einmal ein sehr gelungener Beitrag, vielen Dank.
    „Ihm ist als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt“ (Rilke)
    Dieses Zitat sagt aus meiner Sicht auch noch so viel mehr aus. Es fasst ein Gefühl zusammen, das ich nur zu gut kenne. Das eingeschränkt Sein durch verschiedenste Dinge, seien es unfassbar viele Aufgaben, gesellschaftlicher Druck, das nicht ausleben können seiner eigentlichen Freiheit, usw. und wenn man dies Dinge überwunden hat, kommen direkt die neuen Probleme angeflogen. Es ist doch wohl für uns alle manchmal so, als wären wir in einem imaginären Käfig gefangen, aus dem es kein entkommen gibt.

    18. Januar 2021
    Antworten
  18. Svenja Schmidt sagte:

    Der Beitrag ist besonders zur momentanen Zeit besonders passend, was ja schon flächendeckend angemerkt wurde. Auch ich musste direkt an die pandemiebedingten „Gitterstäbe“ denken. Allerdings habe ich mich kurz nachdem denken dieses Gedankens unglaublich schlecht gefühlt. Denn wir sind nicht wirklich eingesperrt, zumindest nicht so, wie die vielen armen Tiere. Natürlich ist der Panter hier im Käfig sitzend ein unsagbar gut treffendes und verdeutlichendes metaphorisches Bild, jedoch wurde das arme Tier von Menschenhand eingesperrt, von einer Spezies, die sich selbst an der Spitze allen Seins sieht und doch so beschränkt, destruktiv und wider der Natur handelt wie kaum ein anderes uns bekanntes Leben unseres Planeten. Wir sind nicht nur die, die eingesperrt werden von jenen, die sich hierarchisch über uns ansiedeln möchte, nein, wir sind es auch, die uns selber und noch viel schlimmer anderes Leben einsperren und dies manchmal nicht einmal sehen und reflektieren. Natürlich ist es nicht leicht sich aus der eigenen Verhaftung zu befreien oder diese überhaupt erst einmal wahrzunehmen, allerdings ist es unumgänglich, um ein Leben wieder Leben nennen zu können und dieses somit auch als solches bezeichnen zu können.
    Tiere, so finde ich, wären manchmal die besseren Menschen – geht man von der hierarchischen Stellung aus. Sie würden, so ließe man sie, Leben wie es ihre Natur – und nur diese – ihnen vorgibt.
    Nach diesen ganz persönlichen emotionalen Gedanken meinerseits bezogen auf die hier vorliegende und mich offensichtlich intensiv triggernde Metapher, möchte ich hervorheben, wie unglaublich schön, fruchtbar und bereichernd ich es auch in diesem Beitrag finde, so viele Zugangsarten zu einem Thema sichtbar zu machen. Das Poetische, das Musikalische, das Darstellende, alles das, was uns Menschen dabei helfen kann unser Inneres zu verarbeiten und zu zeigen, wenn auch nur unter dem „Denkmantel der Kreativität“ (weil viele ja leider nicht zu ihren innersten Gedanken, Gefühlen, Eigenarten,… stehen können) ist unsagbar wertvoll und gehört bewusst wahrgenommen und gefördert.
    Ich danke Ihnen für das von Ihnen zur Verfügung gestellte und zum Denken anregende mehrperspektivische Ideenreichtum zu den vielen essentiellen und bedeutenden Themen unserer Umwelt.

    18. Januar 2021
    Antworten
  19. Şebnem Işık sagte:

    Wieder eine sehr kreative, mehrperspektivisch gestaltete und inspirierende Unterrichtsidee, die Sie uns mit auf den Weg geben. Vielen Dank für Ihre Anregungen!
    Auch mich haben die Zeilen Rilkes sehr stark zum Nachdenken angeregt, insbesondere in Bezug auf die derzeitige Situation, in der wir uns befinden: Rilke erzählt von einem schwarzen Panther, der sich lediglich in seinem begrenzten Lebensbereich bewegt, sich gefangen fühlt und jegliche Hoffnung verloren hat…
    Teilen wir Menschen derzeit nicht ähnliche Gefühle? Was bedeutet es, frei und ohne Einschränkungen zu leben? Was bedrückt uns am meisten und wonach sehnen wir uns?
    Sehr tiefsinnige Fragen sowohl für Erwachsene als auch für Kinder.
    Ich finde die Unterrichtsanregung hervorragend, da sie die Möglichkeit schafft, um mit Kindern über ihre aktuellen Gefühle und Gedanken zu sprechen oder für die, die ihre Gefühle nicht in Worte fassen können, diese zeichnerisch auszudrücken. Besonders jetzt ist es wichtig, den Kindern zuzuhören und sie bei der Verarbeitung ihrer Gefühle zu unterstützen.

    Ein anderer, erwähnenswerter Aspekt, der mir sehr gefallen hat, ist Ihre Anmerkung, dass man die Bearbeitung zunächst mit den Stellen beginnen sollte, die von den Kindern verstanden werden, anstelle die Aufmerksamkeit auf das Unverstandene zu lenken. Dieser Gedanke ist sehr wichtig und sollte von LehrerInnen berücksichtigt werden. Sich in erster Linie auf das Unverstandene zu konzentrieren, ist meines Erachtens eine negativ konnotierte Annäherung an ein Material, wodurch die Freude an der Arbeit abnehmen kann.

    18. Januar 2021
    Antworten
  20. Dunja El-Ganainy sagte:

    Der Beitrag findet vor allem in der jetzigen Zeit einen besonderen Platz. Die Pandemie schränkt das öffentliche Leben in besonderem Maße ein. Wir können unsere engsten Menschen kaum noch treffen und hören ihre Stimme nur noch über das Telefon. Viele von uns sind mental von der Sache betroffen und verspüren im Inneren einen gewissen Druck, welchen sie loszuwerden einfach nicht wissen. Wir sehnen uns nach dem alten Leben, nach unseren Freundinnen und Freunden, nach einem schönen Urlaub und nach frischer Luft ohne die Maske. Sitzen also auch wir gegenwärtig hinter tauschend Stäben? Die Pandemie zieht uns damit in eine andere Perspektive hinein. Wir fühlen uns gefangen, ergriffen und von der Welt abgeschottet. Wir sitzen hinter tausend Stäben und warten auf die Freiheit. Wissen wir damit, wie sich ein Panther und weitere Tiere fühlen? Wissen wir, wie es Menschen in Kriegsgebieten ergeht oder sind wir weit entfernt von einer solchen Vorstellung? Trotz der derzeit bestehenden Einschränkungen dürfen wir unter keinen Umständen vergessen, dass dieses Gefangensein ein Ende haben wird, wohingegen der Panther das Ende seiner Gefangenschaft wohl kaum sieht.

    19. Januar 2021
    Antworten
  21. Katarina Drese sagte:

    Vielen Dank für diesen Beitrag.
    Ich bin beeindruckt, wie es wieder einmal zu scheinbar fließenden Übergänge zwischen den Impulsen kommt. Meiner Meinung nach lassen sich so ganz unterschiedlich veranlagte Menschen abholen. Mittels des variantenreichen Inputs auf unterschiedlichen Ebenen sind sicher viele dazu eingeladen sich hineinzufühlen. Sie haben so die Möglichkeit, auf etwas Bekanntes zu stoßen und gleichzeitig den eigenen Horizont zu erweitern. Mir hängt diesbezüglich der Ausdruck – Jemanden dort abholen, wo er steht – in den Ohren. Ich halte es für einen gewinnbringenden Ansatz dort zu beginnen, wo Verständnis (schon) vorhanden ist.
    Das Video zum Gefangenenchor stellt ein Beispiel dar, wie das Zusammenbringen von Menschen ein Zugehörigkeitsgefühl auch bei räumlichem Abstand entstehen lassen kann. Schön finde ich, dass in dem Unterrichtsbeispiel alle Beteiligten als Stimmengewirr zu Wort kommen können.
    Abschließend möchte ich noch die vorgeschlagene persönliche Involviertheit in den Fokus rücken. Diese kann den Aufbau partnerschaftlicher Beziehungen unterstützen.

    20. Januar 2021
    Antworten
  22. Janina Burk sagte:

    Vielen Dank für dieses wundervolle Unterrichtsbeispiel, bei dem man als Lehrkraft den Kinder auf Augenhöhe begegnen kann. Wir begegnen den Schüler*innen oft genug nur als Lehrende. In Einheiten wie diesen, können wir gemeinsam mit Kindern lernen, entdecken, träumen… In Einheiten wie diesen, kann eine vorurteilsfreie und gleichberechtigte Atmosphäre entstehen.

    Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass meine damalige Deutschlehrerin dieses Rilke-Gedicht mit uns besprach (allerdings bei weitem nicht so vielperspektivisch wie es hier aufgezeigt wird). Auch unsere Klasse übertrug dies Situation und die Emotionen des Panthers auf das eigene Dasein. Doch wir betrachteten unsere „Gefangenschaft“, das was uns daran hindert „frei zu sein“, lediglich als äußere Umstände. Ich weiß noch, dass unsere Klasse Regeln und Vorschriften zusammentrug, an die wir uns zu halten hatten. Es ging um Regeln, die unsere Eltern aufstellten, unsere Schulpflicht und unsere Pflichten als Kinder. Wir identifizierten jene äußeren Gesetzmäßigkeiten als die Gitter und Stäbe, die uns die „vollkommene Freiheit“ untersagten. Unsere „Sehnsüchte“ waren weniger tiefgründig. Viele wünschten sich länger wachbleiben zu dürfen, keine Hausaufgaben machen zu müssen oder ähnliches.
    Heute sehe ich das Gedicht und den Übertrag auf mein eigenes Dasein natürlich ganz anders. Heute bin ich erwachsen und meine Eltern entscheiden nicht mehr darüber, wann ich ins Bett gehe oder wie viel ich nasche. Heute sind die Gitter und Stäbe für mich nicht mehr aus Regeln und Verboten geschmiedet. Stattdessen sind viele von ihnen selbst errichtet.
    Das hat mich zum Nachdenken gebracht…

    22. Januar 2021
    Antworten
  23. Sebnem Yener sagte:

    Den Kindern auf Augenhöhe zu begegnen ist als Lehrkraft sehr wichtig. Somit kann man die Ideen der Kinder mit in den Unterricht aufnehmen, integrieren und gemeinsam mit den Schülern und Schülerinnen die Welt erkunden, entdecken und lernen.

    27. Januar 2021
    Antworten
  24. Benjamin A. sagte:

    Es fällt nun nicht schwer, einen Zusammenhang zwischen eingesperrtem Leoparden und einem Kind in der Schule zu sehen. Wenn Schule den Kindern keinen Raum zur Entfaltung gibt, fühlen sie sich eingesperrt und eingeengt. Nicht umsonst, haben viele SuS „keinen Bock mehr auf Schule“. Ziel ist es daher, die SuS zu motivieren, ihren eigenen Fragen und Interessen mit Hinblick auf Bildungsstandards zu lenken.

    29. Januar 2021
    Antworten
  25. © Le Pouvoir de la Bergère sagte:

    Nähe des Geliebten

    Ich denke dein, wenn mir der Sonne Schimmer
    Vom Meere strahlt;
    Ich denke dein, wenn sich des Mondes Flimmer
    In Quellen malt.

    Ich sehe dich, wenn auf dem fernen Wege
    Der Staub sich hebt;
    In tiefer Nacht, wenn auf dem schmalen Stege
    Der Wandrer bebt.

    Ich höre dich, wenn dort mit dumpfem Rauschen
    Die Welle steigt.
    Im stillen Haine geh´ ich oft zu lauschen,
    Wenn alles schweigt.

    Ich bin bei dir; du seyst auch noch so ferne,
    Du bist mir nah!
    Die Sonne sinkt, bald leuchten mir die Sterne,
    O, wärst du da!
    Johann Wolfgang von Goethe (1795)

    Beobachtungen zum Hintergrund
    Bei dem Gedicht handelt es sich um ein Liebesgedicht. Adressat ist Friedrich von Schiller. „Liebe ist hier nicht eine ausschweifende Leidenschaft, sondern jene ernste, heilige Empfindung der Natur, die den unverdorbenen Menschen ahnen läßt, daß etwas Höheres und Göttliches in dieser wundervollen Seelenneigung liegt.“ (Weimarer Goethe Ausgabe I 42, 1. S. 305 f., zitiert nach Mommsen, K. in Goethe-Jahrbuch 109 14, S. 31 – 44).

    Goethe führte mit Schiller einen intensiven Schriftwechsel. Beide schätzten sich, machten sich in den Briefen gegenseitig Komplimente. Goethe unterstützte seinen kranken Freund auch materiell. So lud er Schiller im Spätsommer 1794 in sein Haus nach Weimar ein. Goethe und Schiller sehen sich im Herbst 1794 häufig in Jena, dem damaligen Wohnort Schillers. Auch im Frühling 1795 bleibt Goethe über längere Zeit in Jena. Neben den Besuchen und dem gemeinsamen Arbeiten mit Schiller erledigt Goethe Aufgaben als Beamter des Herzogs Carl August von Weimar in Jena. Üblich war es, dabei auch gesellschaftliche Kontakte zu pflegen.

    Im Haus des Justizrats Gottlieb Hufeland war er mehrfach Gast, weil dort auch musiziert wurde. Dort hörte er eine Komposition des Carl Friedrich Zelter, der ein Gedicht von Friederike Brun geb. Münter (Ich denke dein, 1792) intonierte. Goethe fand, dass der Text des Gedichts nicht gut zu der lebendigen Musik Zelters passt. Zudem saß er in den Gedanken an den Freund Schiller, den er in Jena besucht hatte. Beides gilt als Impuls für seine eigene Dichtung (m.E. kein Gegengedicht an Friedericke Brun, mit der Goethe keine Beziehung verband).

    Wer spricht?
    Ich habe mich entschieden: Es ist eine Erlebnisdichtung. In diesem Gedicht spricht das historisch-biographische Autor-Ich. Goethe spricht an Schiller. Es ist ein sehr persönliches Geständnis über die tief empfundene Zuneigung zu Schiller. Es ist keine Erfindung, es ist keine Fiktion – es sind wahre Gefühle. Dies erschließt sich allerdings erst durch die Kenntnis der Inhalte des Briefwechsels zwischen Goethe und Schiller in der Zeit der Entstehung des Gedichts.

    Zur Relevanz für die Schule + Salvatorische Klausel:
    Nach meiner Überzeugung ist es unsere Aufgabe als zukünftige Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler im Deutschunterricht aktiv einzubeziehen. Sie sollen keine (passiven) Konsumenten von Literatur sein, sondern Lesepersönlichkeiten, die gemäß ihren individuellen Fähigkeiten und Wahrnehmungen mit Literatur aktiv umgehen und diese erschließen. Und für mich gibt es bei den Ergebnissen kein „richtig“ oder „falsch“. Da halte ich es mit dem großen deutschen Dichter und Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger. Der hat in einem Vortrag vor Deutschlehrern gesagt:

    […]Wenn zehn Leute einen literarischen Text lesen, kommt es zu zehn verschie¬denen Lek¬tü¬ren. Das weiß doch jeder. In den Akt des Lesens gehen zahllos viele Faktoren ein, die voll¬kommen unkontrollierbar sind: die soziale und psychische Geschichte des Le¬sers, seine Er¬wartungen und Interessen, seine augenblickliche Verfassung, die Situation, in der er liest – Faktoren, die nicht nur absolut legitim und daher ernst zu nehmen, son¬dern die überhaupt die Voraussetzung dafür sind, daß so etwas wie Lektüre zustande kommen kann. Das Resultat ist mithin durch den Text nicht determiniert und nicht de¬terminier¬bar. Der Leser hat in diesem Sinn immer recht, und es kann ihm niemand die Freiheit neh¬men, von einem Text den Ge¬brauch zu machen, der ihm paßt. […]
    Und aufgeschrieben hat das die Frankfurter Allgemeine Zeitung: F.A.Z. Nr. 215 am 25. 09.1976
    Alle, die meine Ausführungen zu den Gedichten für totalen Quatsch halten, mögen sich an dieses Zitat erinnern ;-))

    Warum setze ich nun gerade diese Gedanken hier in den Blog „Die Sehnsucht als methodischer Gegenstand“? Nun ja, erstens, weil Goethes Verse Sehnsucht ausdrücken. Vor allem die Sehnsucht nach dem (zu dieser Zeit schon schwer erkrankten) Freund und Weggefährten Friedrich Schiller. Zudem gibt, zweitens, dieses Lied des großen Dichters viel Raum für Fragen und Interpretationen. Man kann gut hinter die lyrischen Gitterstäbe schauen und sieht mehr. Der Blick des Panthers Goethe ist weiter, öffnet eine andere Sicht, als dies mit den (ungeübten) Augen der flüchtigen Leserin zunächst zu erkennen ist. Und – drittens – weil ich mit diesem Gedicht das Kompliment der Lehrenden im Eingang des Blogs erwidern möchte. Die Blog-Initiatorin »Sis Pied de la Zirbe« leitet ihre Studierenden dezent durch die Vielfalt der Weltliteratur. Ihre Anregungen verknüpft sie mit musikalischen Impulsen und bildnerisch-künstlerischen Fingerzeigen. Mit einer unglaublichen didaktischen Umsicht leitet sie an, die Stoffe in den modernen Deutschunterricht zu bringen. Und immer stehen die Kinder im Mittelpunkt! Ich habe in diesen Seminaren so viel über ästhetische Bildung, über Literatur als Bildung der Gefühle (Mattenklott, 2011) gelernt. Und ich fühle mich der Lehrenden tief verbunden – auch wenn CORONA den persönlichen Kontakt verhindert und ich die zahlreichen Anregungen aus der Distanz erhalten habe.

    11. Februar 2021
    Antworten
    • Schäferin, das ist klug, umsichtig, innovativ und ausgesprochen geistreich. Enzensberger ist fabelhaft und die Umrankung des schönen Sehnsuchtsgedichtes auch für mich sehr erhellend. Danke vielmals dafür!

      14. Februar 2021
      Antworten
  26. Sophie Hoffmann sagte:

    Jedes Mal wieder bin ich überrascht von den Möglichkeiten und den Ideen, die der Deutschunterricht bieten kann. Ich finde Ihre Anregungen immer wieder super inspirierend, ich habe während des Lesens auch gleich wieder mitgedacht. Was engt mich momentan ein? Was würde ich mir wünschen? So Vieles! Vor allem momentan gibt es so viele Dinge, die ich gerne anders machen oder erleben würde. Allein schon das Bildungssystem engt einen ein, man hat wenig Möglichkeiten, kreativ zu sein, oftmals erledige ich Aufgaben, deren Wert ich nicht sehe oder die ich generell ungern erledige. Also träume ich davon, mehr Freiheiten diesbezüglich zu haben. Ich habe schon öfter gehört oder gelesen, dass wir uns oft eingesperrt fühlen, also schätze ich, dass die Bearbeitung dieser Aufgabe für alle sehr interessant und inspirierend sein kann!

    17. Februar 2021
    Antworten
  27. Sandy Gerhard sagte:

    Das sind wirklich tolle anregende Fragestellungen und das fächerübergreifenden Potential finde ich wirklich bemerkenswert!
    Und wie ich schon in einem vorherigen Beitrag – zufälliger Weise schrieb: „Ich finde es so schön, dass es die Aufgabe der Lehrkraft sein darf, die Schüler in der Entwicklung der Persönlichkeit und auf der Suche nach der Sinnhaftigkeit zu begeleiten! Und auch die Lehrperson erlebt die eigenen und diese mit, wobei Hierachien so effektiv verhindert werden können.“ – gibt es auch der Lehrkraft viel, „die Aufgaben“ der Schüler ebenfalls zu erfüllen!

    28. Februar 2021
    Antworten

Schreib einen Kommentar zu Aylin P. Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *